Donald Trump und Brexit: Was würde Immanuel Kant dazu sagen? - DER SPIEGEL
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Was Kant über Trump und Brexit zu sagen hat "Gutartig wie die Schafe"

Kaum ein Philosoph hat unser modernes Denken so sehr beeinflusst wie Immanuel Kant. Posthum gibt er Antworten auf die Krisen unserer Zeit - und erklärt, warum wir sie überwinden werden.
Ein fiktives Interview von Janne Kieselbach
Antagonismus der "ungeselligen Geselligkeit": Ein irischer Junge schreibt eine Botschaft an eine Mauer
Antagonismus der "ungeselligen Geselligkeit": Ein irischer Junge schreibt eine Botschaft an eine Mauer

Antagonismus der "ungeselligen Geselligkeit": Ein irischer Junge schreibt eine Botschaft an eine Mauer

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Clodagh Kilcoyne/ REUTERS

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Polternde Staatschefs, neue Krisenherde, separatistische Bestrebungen: Was ist bloß los in der Welt? Ist die Idee einer globalen Zusammenarbeit und Integration schon überholt? Oder liegt es einfach in der Natur des Menschen, sich immer wieder zu bekriegen?

Antworten könnte ein Mann aus dem 18. Jahrhundert geben: Der große Aufklärungsphilosoph Immanuel Kant gilt als Vordenker kosmopolitischer Ideen. Er geht von einer "Vollziehung eines verborgenen Plans der Natur" aus. Die Gattung Mensch werde eines Tages nach einer langen Geschichte von Zwietracht, Kriegen und Zusammenbrüchen in der Lage sein, ihre Vernunft in einem weltbürgerlichen Zustand vollständig zu entwickeln.

Dass der Weg dorthin so schwierig ist, liegt laut Kant an der "ungeselligen Geselligkeit des Menschen": Er strebe danach, sich zu vergesellschaften, doch zugleich entwickele er einen Widerstand, der die Gesellschaft beständig zu trennen drohe. In diesem scheinbar widersinnigen Prozess entstehe dennoch auch Neues, es werde stets eine nächste Stufe der Moralisierung erreicht.

Wir haben Herrn Kant befragt - zu Dauerkrisen, Donald Trump und gutmütigen Schafen. Seine Antworten stammen aus dem 1784 veröffentlichten Aufsatz "Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht" . Gültigkeit besitzen sie bis heute.

Zur Person
Foto: Bertelsmann Lexikon Verlag/ picture-alliance/ dpa

Immanuel Kant, 1724-1804, gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der abendländischen Philosophie. Zu seinen wichtigsten Werken zählt die "Kritik der reinen Vernunft", die den Beginn der modernen Philosophie markiert. Kant verbrachte fast sein gesamtes Leben in Königsberg. An der dortigen Universität studierte er Philosophie, Naturwissenschaften und Mathematik; später wurde er Professor für Logik und Metaphysik. Wegen seiner rationalistischen Religionsauffassung erteilte ihm der preußische König Friedrich Wilhelm II. ein Lehr- und Publikationsverbot.

SPIEGEL: Herr Kant, wir verschmutzen die Umwelt, führen Kriege und lassen Kinder arbeiten. Sie aber glauben fest daran, dass der Mensch ein Wesen ist, das Moral und Vernunft ausbilden kann. Ganz schön naiv, finden Sie nicht?

Kant: Alle Naturanlagen eines Geschöpfes sind bestimmt, sich einmal vollständig und zweckmäßig auszuwickeln.

SPIEGEL: Ist auch Donald Trump dazu in der Lage?

Kant: Am Menschen sollten sich diejenigen Naturanlagen, die auf den Gebrauch seiner Vernunft abgezielt sind, nur in der Gattung, nicht aber im Individuum vollständig entwickeln.

SPIEGEL: Aha, allein können wir es demnach gar nicht schaffen, sondern nur gemeinsam. Dürfen wir denn dabei auf Hilfe hoffen - vielleicht von einer göttlichen Instanz?

Kant: Die Natur hat gewollt, dass der Mensch alles, was über die mechanische Anordnung seines tierischen Daseins geht, gänzlich aus sich selbst herausbringe und keiner anderen Glückseligkeit oder Vollkommenheit teilhaftig werde, als die er sich selbst frei von Instinkt, durch eigene Vernunft, verschafft hat.

SPIEGEL: Wir sind also unseres eigenen Glückes Schmied: Nur durch unsere eigene Vernunftleistung unterscheiden wir uns von den Tieren. Aber wie gelingt das?

Kant: Das Mittel, dessen sich die Natur bedient, die Entwicklung aller ihrer Anlagen zu Stande zu bringen, ist der Antagonismus derselben in der Gesellschaft.

SPIEGEL: Herr Kant, mit Verlaub: Das versteht doch niemand. Bitte erklären Sie das!

Kant: Ich verstehe hier unter dem Antagonismus die "ungesellige Geselligkeit" der Menschen, das heißt den Hang derselben, in Gesellschaft zu treten, der doch mit einem durchgängigen Widerstande, welcher diese Gesellschaft beständig zu trennen droht, verbunden ist. Hierzu liegt die Anlage offenbar in der menschlichen Natur.

"Der Mensch will Eintracht, aber die Natur weiß besser, was für seine Gattung gut ist: Sie will Zwietracht"

SPIEGEL: Ein interessanter Gedanke. Nehmen wir ein Beispiel: Erst gründen die Europäer ganz gesellig eine gemeinsame Union, und wenig später meckert jeder ungesellig an ihr herum - bis zum Bruch. Aber weshalb glauben Sie, dass dieses Paradox unsere Vernunft am Ende mehren wird?

Kant: Ohne jene an sich zwar nicht liebenswürdigen Eigenschaften der Ungeselligkeit, woraus der Widerstand entspringt, den jeder bei seinen selbstsüchtigen Anmaßungen notwendig antreffen muss, würden in einem arkadischen Schäferleben bei vollkommener Eintracht, Genügsamkeit und Wechselliebe alle Talente auf ewig in ihren Keimen verborgen bleiben. Die Menschen, gutartig wie die Schafe, die sie weiden, würden ihrem Dasein kaum einen größeren Wert verschaffen, als dieses ihr Hausvieh hat.

SPIEGEL: Erst aus unseren Streitereien können wir lernen und uns weiterentwickeln?

Kant: Der Mensch will Eintracht, aber die Natur weiß besser, was für seine Gattung gut ist: Sie will Zwietracht.

SPIEGEL: Welche Form des Zusammenlebens könnte denn das Ziel eines solchen Prozesses aus Geselligkeit und Ungeselligkeit sein?

Kant: Das größte Problem für die Menschengattung ist die Erreichung einer allgemein das Recht verwaltenden bürgerlichen Gesellschaft.

SPIEGEL: So wie wir sie in gut funktionierenden Demokratien mitunter schon vorfinden...

Kant: Dieses Problem ist zugleich das schwerste und das, welches von der Menschengattung am spätesten aufgelöst wird: Der Mensch ist ein Tier, das, wenn es unter andern seiner Gattung lebt, einen Herrn nötig hat.

"Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden"

SPIEGEL: Wenn wir nicht aufpassen, laufen wir deshalb Populisten und Diktatoren hinterher. Und wohlgemerkt: Das wussten Sie schon vor dem Nationalsozialismus, den Sie selbst nie erlebt haben. Wie stellen Sie sich denn im Gegensatz dazu einen guten "Herrn" vor?

Kant: Der Mensch bedarf einen Herrn, der ihm den eigenen Willen breche und ihn nötige, einem allgemeingültigen Willen, dabei jeder frei sein kann, zu gehorchen. Das höchste Oberhaupt soll gerecht für sich selbst und doch ein Mensch sein. Diese Aufgabe ist daher die schwerste unter allen, ja, ihre vollkommene Auflösung ist unmöglich: Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden.

SPIEGEL: Den perfekten Bundeskanzler gibt es also nicht. Aber wenn es ihn gäbe, wäre er der oberste Verfechter der freiheitlichen Ordnung und des allgemeingültigen Rechts.

Kant: Hinzu kommt: Das Problem der Errichtung einer vollkommnen bürgerlichen Verfassung ist von dem Problem eines gesetzmäßigen äußeren Staatenverhältnisses abhängig und kann ohne das Letztere nicht aufgelöst werden.

SPIEGEL: Wir streben im Laufe der Menschheitsgeschichte nach Rechtsstaaten, die sich und ihre Bürger auch gegenseitig anerkennen?

Kant: Man kann die Geschichte der Menschengattung im Großen als die Vollziehung eines verborgenen Plans der Natur ansehen, um eine innerlich - und zu diesem Zwecke auch äußerlich - vollkommene Staatsverfassung zu Stande zu bringen, als den einzigen Zustand, in welchem sie alle ihre Anlagen in der Menschheit völlig entwickeln kann.

SPIEGEL: Angesichts antidemokratischer und staatszersetzender Tendenzen erscheint genau dieser Zustand jetzt aber wieder in weite Ferne zu rücken. Kann Ihr Entwurf einer zielgerichteten Menschheitsgeschichte plausibel sein?

Kant: Ein philosophischer Versuch, die allgemeine Weltgeschichte nach einem Plane der Natur, der auf die vollkommene bürgerliche Vereinigung in der Menschengattung abziele, zu bearbeiten, muss als möglich und selbst für diese Naturabsicht beförderlich angesehen werden.

SPIEGEL: Herr Kant, vielen Dank für das Gespräch. Ihre Gedanken geben Hoffnung, dass auch nach den schwersten Rückschlägen wichtige Lehren gezogen werden.

Kant: Gern.

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