Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
meinung •SPIEGEL-Klimabericht Wenn der Autoboss im Interview überraschend den Vorwärtsgang einlegt
Für das Interview hatte sich die »Bild«-Zeitung ein lockeres Setting ausgesucht. Der Chefreporter der »Bild«, Peter Tiede, und Mitglied des Aufsichtsrats des US-Autobauers Ford in Deutschland, Gunnar Herrmann, redeten Ende Juli rund 30 Minuten miteinander, halb sitzend, halb stehend an einem Tisch. Der Hintergrund sieht aus wie ein Klassenzimmer, anscheinend sollte das Gespräch spontan wirken, als ob Tiede seinen Interviewpartner nach einem Termin abgefangen hat.
Der Chefreporter geht mit einer These ins Gespräch, zu der er sich anscheinend viel Zuspruch von seinem Gegenüber erhofft: Elektroautos seien auf dem absteigenden Ast, niemand wolle sie kaufen, deshalb müsse das europäische Verbrenner-Aus 2035 gekippt werden. Das ist nicht weiter überraschend, die »Bild«-Zeitung macht sich recht verlässlich für Diesel- und Benzinautos stark.
Doch Tiede hatte die Rechnung ohne seinen Gast gemacht. Herrmann warnt vor einem Aufweichen des geplanten Verkaufsendes für Neuwagen mit Verbrennermotor im Jahr 2035. »Wenn Sie an Wohlstand, an Wachstum und an die Zukunft glauben, dann lassen Sie die Ziele, wie sie sind.« Er sehe das Aufgeben des 2035er-Ziels als »Investitionshemmer«.
Der Reporter etwas perplex: »Wollen Sie keine Autos verkaufen?«. Antwort Herrmann: »Sie können natürlich mit Verbrennern weiter Geld verdienen.« Er aber halte das für keine gute Idee. Wer weiter auf Verbrenner hoffe, habe keine Strategie oder »pfeife aus dem letzten Loch«, belehrt Herrmann sein Gegenüber. Verbrennermotor gleich Wirtschaftskiller – so die klare Ansage des Ford-Vertreters.
Aber der Verbrenner sei doch das »Kernstück der deutschen Industrie«, das gehe »flöten«, fleht der Chefreporter. Gunnar eiskalt: »Ja, das geht flöten, weil Sie die Klimaziele damit nicht halten können.« Die Lösung: neue Technologien, Menschen umschulen. Anders gehe es nicht.
Gunnar Herrmann: Der Verbrenner geht flöten, weil man die Klimaziele damit nicht halten kann.
Foto: Oliver Berg / dpa / picture allianceUnternehmen: Klimaschutz aus Eigeninteresse
Im Verlauf des rund 30-minütigen Gesprächs wirkt der Reporter zunehmend irritiert über die Antworten von Herrmann. Am Ende bleibt der Eindruck, dass der Unternehmer dem »Bild«-Journalisten eine Welt erklärt, die dieser anscheinend nicht mehr versteht.
Die Lehre daraus:
Autohersteller wie Ford haben verstanden, dass Elektroautos die Zukunft sind und haben enorme Summen in diese Technologie investiert.
Sie sind stark beunruhigt über die chinesische Konkurrenz, die ihnen bei Elektroautos schnell den Rang ablaufen könnte.
Sie fordern klare politische Signale zum Klimaschutz und Planungssicherheit – nicht das Hin und Her der vergangenen Monate.
Mittlerweile sehen das viele Unternehmen so – auch anderer Branchen. Bekanntestes Beispiel ist der Aufruf von 69 Unternehmen vor rund drei Jahren. Sie forderten damals von der neuen Bundesregierung den massiven Ausbau von Wind- und Solarparks und einen schnelleren Kohleausstieg. Das Schreiben unterzeichneten unter anderem die Otto Group, die Allianz, Rossmann, SAP, EnBW und E.on. Die Konzerne argumentierten ähnlich wie Ford-Vertreter Herrmann – aus Eigeninteresse: Sie wollen schnell klare Rahmenbedingungen haben, entlang derer sie ihre Strategien ausrichten können. Viele erhoffen sich auch neue Geschäfte beim Umbau der Wirtschaft. Und sie müssen mit der Energiewende-Konkurrenz aus Ländern wie China mithalten.
Die Nostalgiker
Lange galt Klimapolitik als potenzieller Hemmschuh für viele Industrien. Inzwischen haben sich viele Rahmenbedingungen – wie etwa der Ausbau erneuerbarer Energien – so geändert, dass es vielfach heißen müsste: Klimapolitik ist Wirtschaftspolitik.
VDA-Präsidenten Hildegard Müller: Lobbyismus gegen ihre eigenen Mitglieder?
Foto: Sven Hoppe / dpaNoch scheinen das nicht alle begriffen zu haben. Darunter auch der Verband der Automobilindustrie (VDA) mit seiner Präsidentin Hildegard Müller. Erst kürzlich kritisierte sie erneut das Verbot für neue Verbrennerautos in der EU ab 2035. »Wir müssen weg von der schädlichen Verbotsdebatte und hin zu einer Ermöglichungsdebatte«, sagte sie der »Neuen Osnabrücker Zeitung«. Nur, für wen spricht sie da eigentlich? Für Ford offenbar nicht. Und auch VW-Chef Oliver Blume hatte sich für mehr Planungssicherheit und damit klar für das Verbrenner-Aus ausgesprochen.
Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner mit Finanzminister Christian Lindner: vermeintliche Technologieoffenheit
Foto: Jörg Carstensen / dpaDie Verbrennerliebe des Springer-Verlages lässt sich womöglich recht einfach erklären: Den größten einzelnen Anteil an dem Unternehmen hält mit über 35 Prozent das Private-Equity-Unternehmen KKR, das massiv in fossile Energie investiert. Weitere knapp 13 Prozent gehören dem ebenfalls in fossile Brennstoffe investierenden kanadischen Pensionsfonds CPPIB. KKR steht laut dem britischen »Guardian« auf einer Liste mit »den größten Missetätern unter acht großen Private-Equity-Firmen mit bedeutsamen Portfolios im Bereich fossiler Brennstoffe«.
Es lohnt also immer ein genauer Blick, wer aus welchem Grund nach vermeintlicher Technologieoffenheit ruft. Oft sind das weniger gesellschaftliche Bedenken (Arbeitsplätze!) als schlicht kurzfristige Profitinteressen, aus denen an Altbekanntem festgehalten wird. Darüber kann auch das moderne Interviewsetting nicht hinwegtäuschen.
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Gunnar Herrmann: Politik muss Rahmenbedingungen setzen
Foto: Oliver Berg / dpa / picture allianceDie Themen der Woche
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Einen schönen Sommerurlaub!
Ihre Susanne Götze
Redakteurin Wissenschaft