Entfremdung vom Ich Ferngesteuert durchs eigene Leben
Frage: Manchmal denke ich, ich sei meinem Notebook entfremdet: Es kann so viel, aber ich verstehe es nicht.
Jaeggi: Tatsächlich meinte schon Theodor Adorno, dass sich gesellschaftliche Pathologien bis in die feinsten Verästelungen des Alltags manifestieren, etwa in unserem Verhältnis zu Autos oder Kühlschränken. Es gibt also diese Dimension der Entfremdung. Andererseits habe ich eigentlich ein ganz gutes Verhältnis zu meinem Computer: Es gibt erstaunliche Identifikationspotentiale mit erstaunlich undurchsichtigen Dingen.
Frage: Kann man sich nicht besser mit Dingen identifizieren, die man versteht?
Jaeggi: Mein Großvater hat seine Reiseschreibmaschine sicher besser verstanden als ich meinen Computer, aber ob er sich mehr mit ihr identifiziert hat? Das Kriterium der völligen Transparenz ist zu simpel, es führt zu einer unbefriedigenden Lobpreisung des einfachen Lebens. Die Frage sollte vielmehr sein: Ist etwas irgendwie anschlussfähig? Führt es zu neuen Formen der Aneignung? Ermöglicht es Erfahrungen oder behindert es diese?
Frage: Was meinen Sie damit?
Jaeggi: Diese neuen Geräte und Kommunikationstechnologien zum Beispiel schaffen ja auch ganz neue Möglichkeiten der Begegnung mit anderen Menschen. Natürlich kann man sagen, Postkarten seien schöner als E-Mails. Aber faktisch haben mir relativ wenige Menschen täglich Postkarten geschrieben, während ich mit nicht wenigen Menschen intensiven Mail-Kontakt habe. Dabei entwickeln sich neue Formen eines fortgesetzten Gesprächs. Ich würde das nicht als entfremdete Kommunikation beschreiben, so wie das manche kulturkritische Nostalgiker tun.
Frage: Wird nicht alles immer schlimmer ?
Jaeggi: Waren vormoderne Zustände wirklich welche, in denen die Individuen über ihr Leben in größerem Maße verfügt haben? Ich würde das bezweifeln. Kulturpessimistische Verfallsdiagnosen neigen dazu, den gerade vorhergegangenen Zustand zu idealisieren.
Frage: Dennoch versuchen Sie, den Begriff der Entfremdung wiederzubeleben, der eigentlich seit einigen Jahrzehnten als tot galt. Müssen nicht auch Sie Kriterien für eine gute Gesellschaft formulieren, also sagen: Entfremdung wovon?
Jaeggi: Nein, das ist ja gerade meine These: Man kann über Entfremdung reden, ohne dass man das wahre Ich definiert oder sagen muss, was die Natur des Menschen oder das richtige Leben ist. Es gibt diesen kulturkritischen Standardeinwand - von linker wie von konservativer Seite -, dass uns Bedürfnisse aufgeschwatzt werden, etwa von der Werbung. Dieser Paternalismus stört mich. Die Bedürfnisse des Menschen sind dynamisch und veränderbar. Man muss also versuchen, über "Entfremdung" zu sprechen, ohne dabei immer besser zu wissen als die Individuen selbst, was diese eigentlich wollen und was für sie gut ist.
Frage: Sie meinen: Über Geschmack lässt sich nicht streiten?
Jaeggi: Nein, das meine ich nicht. Diese Ansicht wäre das andere Extrem, das in der Tat die Vorstellung des liberalen Rechtsstaats prägt. Seit Kant gilt als ausgemacht, dass sich das Glück oder das gute Leben im Gegensatz zum moralisch Richtigen nicht bestimmen lässt. Ich aber glaube nicht, dass alle Präferenzen, die Menschen äußern, richtig sind - oder auch nur Ausdruck dessen, was sie wirklich wollen. Man sollte also das Projekt der Wunschkritik nicht aufgeben, man sollte hinterfragen, was wir wollen und brauchen. Und man muss die Frage nach der richtigen Lebensform öffentlich stellen. Es war ein Versäumnis, dass sich die akademische Philosophie lange Zeit von der sokratischen Frage "wie zu leben sei" zurückgezogen hatte. Und es ist ein Fehler, diese Fragen zu privatisieren.
Frage: Auf den Bestsellerlisten und in den Buchhandlungen finden die Menschen zahllose Gebrauchsanleitungen für das glückliche und gute Leben
Jaeggi: und da steht dann drin, sie sollten viel joggen, mehr Fisch essen, ihre Freundschaften pflegen, sich in Gelassenheit üben oder an Gott glauben.
Frage: Kann ja hilfreich sein.
Jaeggi: Schon. Das Problem an solchen Patentrezepten ist, dass sie häufig auf ominösen oder nicht ausgesprochenen Grundlagen beruhen, man weiß nicht, wie generalisierbar und begründbar sie sind. Mein größter Einwand ist aber ein anderer: All diese Ratgeber psychologisieren und individualisieren. Sie verkennen, dass Gesellschaften bestimmte Bedingungen erfüllen müssen, damit den Individuen ihr Leben gelingen kann, dass es also überindividuelle Bedingungen für das Gelingen des Lebens gibt. Immerhin erkennt derzeit die politische Philosophie und die Sozialwissenschaft, dass sie hier ein Defizit hat. Ich glaube nun, dass ein nichtessentialistischer Entfremdungsbegriff ein hilfreiches Instrument ist, um solche Voraussetzungen zu analysieren und entsprechende Defizite zu benennen.
Frage: Was hat man sich unter diesem Begriff vorzustellen?
Jaeggi: Nach meiner Theorie ist ein Mensch entfremdet, dessen Selbst- und Weltbezug gestört ist. Er fühlt sich fremd seinem eigenen Leben gegenüber, seinen Handlungen oder seinen Wünschen gegenüber, er ist beziehungslos gegenüber der sozialen, aber auch der dinglichen Welt, die ihn umgibt. Der entfremdete Mensch hat den Eindruck, dass nicht er selbst es ist, der autonom sein Leben steuert. Es geht also um eine eher formale Definition. Man sollte gar nicht erst danach fragen, wer man "wirklich ist", oder was man wirklich will in einer Art und Weise, die suggeriert, es gäbe da einen unhintergehbar "inneren Kern". Dennoch lassen sich in der Art und Weise, wie wir uns auf das, was wir tun, beziehen können, oder wie wir uns etwa in sozialen Rollen bewegen, und wie "anschlussfähig" und offen die Erfahrungen sind, die wir machen, Defizite erkennen. Entfremdung ist dann eine Störung von Aneignungsvollzügen.
Frage: Können Sie ein Beispiel geben?
"Ich würde die Menschen nicht unterschätzen!"
Jaeggi: Viele Menschen fühlen sich in ihren gesellschaftlichen Rollen fremd, sind von ungewollten Wünschen beherrscht oder leiden unter der eigenen Indifferenz zu ihrer Umwelt. Ein Beispiel aus meinem Buch: Ein junger Wissenschaftler, ein begabter Mathematiker, tritt seine erste Stelle an. Gleichzeitig beschließen er und seine Freundin zu heiraten, schon wegen der Steuern. Dann kommt ein Baby. Die Familie zieht in einen Vorort, wo sich ein Haus mit Garten bezahlen lässt, auch schöner für das Kind.
Frage: Eine ganz normale Geschichte
Jaeggi: Der Mann hat früher ein wildes Leben zwischen besessener Arbeit und exzessivem Nachtleben geführt, sich wochenlang von Fastfood ernährt und am Wochenende in Tankstellen eingekauft. Er hätte sich niemals vorstellen können, dass er eines Tages jeden Samstag mit dem Kombi ins Einkaufszentrum fährt, die Vorräte für die Woche in der Tiefkühltruhe verstaut, sich Abends bemüht, rechtzeitig von der Arbeit nach Hause zu kommen, weil der Rasen vor der Grillparty noch gemäht werden muss. Mit seiner Frau spricht er vor allem über Organisatorisches. Manchmal kommt ihm das unwirklich vor: Alles ist mit einer gewissen Zwangsläufigkeit geschehen, und trotzdem erscheint ihm sein Leben fremd, so als wäre es nicht sein eigenes.
Frage:
Wäre es nicht eine erwachsene Haltung zu akzeptieren, dass sich Lebensumstände ändern und man in seinen Zielen auch Kompromisse machen muss?
Jaeggi: Natürlich muss man auch Kompromisse eingehen, aber sie sollten bewusst getroffen werden. Und natürlich gibt es auch immer Konflikte. Aber diese müssen als solche überhaupt erst zugänglich werden. Gerade das ist in diesem Beispiel noch gar nicht der Fall. Das Problem des Mathematikers ist der Kontrollverlust. Man kann nicht wirklich sagen, dass er zu irgendetwas gezwungen wurde. Aber die Dinge haben eine Eigendynamik gewonnen, eines kommt zum anderen, und so schlittert er in diese neue Lebenssituation, die zugleich eigentümlich erstarrt ist: Ohne drastische Maßnahmen kommt er da nicht mehr raus. Nicht er lebt sein Leben, sondern das Leben lebt ihn. Für die Analyse solcher Erfahrungen eignet sich der Entfremdungsbegriff. Mir geht es dabei gerade nicht um die psychologische, sondern um die strukturelle Dimension dieses Geschehens.
Frage: Nimmt die Entfremdung in unserer Gesellschaft zu?
Jaeggi: Sie ist eine Grunderfahrung der Moderne, aber es gibt gegenläufige Trends. Entfremdungsprozesse sehe ich zum Beispiel in der zunehmenden Kommerzialisierung von Lebensbereichen, Entfremdungserfahrungen drohen auch bei bestimmten Weisen des Umgangs mit den Möglichkeiten der modernen Gentechnologie. Auch die Weltfinanzkrise könnte man als großes Entfremdungsgeschehen verstehen: Alle stehen da, keiner hat es gewollt, das Geschehen hat eine Eigendynamik gewonnen - völliger Kontrollverlust. Andererseits gibt es Bereiche im Arbeitsleben, wo es geradezu so erscheinen kann, als sei Entfremdung hier aufgehoben: Vor allem bei qualifizierten Arbeitsplätzen soll man heute ja die ganze Person einbringen, autonom arbeiten, ganze Projekte entwickeln.
Frage: Das klingt manchmal wie in der Utopie von Karl Marx, wo man abwechselnd Jäger, Fischer, Hirte oder "kritischer Kritiker" sein konnte.
Jaeggi: Ich bin allerdings skeptisch. Der moderne "Arbeitskraftunternehmer" soll nämlich auf einmal für alles selbst verantwortlich sein. Er muss dabei die externen Zwänge internalisieren und sich als komplettes "Projekt" verkaufen. Trotz aller Selbstverantwortlichkeit und Kreativität ist das möglicherweise eher ein besonderer Fall von Entfremdung, Das soll nicht ausschließen, dass es hier auch wirkliche Freiheitspotentiale gibt.
Frage: Wie sähe es denn nun aus, das gute und unentfremdete Leben?
Jaeggi: Nicht entfremdet zu sein, bezeichnet eine bestimmte Weise des Vollzugs des eigenen Lebens. Es wäre ein Leben, in dem man selbstbestimmt seine Projekte verfolgt, die man sich dabei zu eigen macht und mit denen man sich identifizieren kann. Nicht-Entfremdung ist weder ein harmonisch-konfliktfreier Zustand noch ist es identisch mit dem, was manche Menschen als "Glück" bezeichnen, aber vielleicht ist es das Einzige, was wir über das gute Leben sagen können oder sollten. Das könnte mehr sein, als man auf den ersten Blick denkt.
Frage: Das klingt wie die Arbeitsplatzbeschreibung für kreative Menschen in den Medien, der Kunst oder für freie Wissenschaftler. Was empfehlen Sie einem unqualifizierten Arbeiter?
Jaeggi: Ich würde die Menschen nicht unterschätzen! Zugleich zeigt sich hier wieder, dass das gute Leben auch eine gesellschaftliche Aufgabe ist: Genau darum geht es ja, Arbeit gesellschaftlich so zu organisieren, dass sie kein "bloßer Job" ist, und das nicht nur in bevorzugten Bereichen. Oder auch darum, Bildung so zu organisieren, schon die frühkindliche Bildung, dass bestimmte Gruppen davon nicht systematisch ausgeschlossen werden. Aber es ist nicht meine Aufgabe als Sozialphilosophin, fertige Reformpläne für eine weniger entfremdete Gesellschaft vorzulegen. Ich will mit meiner Arbeit nur die Sensibilität für bestimmte problematische Strukturen schärfen. Jetzt kann die Diskussion beginnen.
Frage: Worüber müssten wir noch reden?
Jaeggi: Wir sollten wieder mehr nachdenken über die grundsätzliche Organisation des Politischen in unserer Gesellschaft: Wie lässt sich die Ökonomie stärker politisch kontrollieren? Wie sollen öffentliche Räume aussehen, die sich die Menschen auch aneignen können? Wie schaffen wir Arbeitsverhältnisse, die mehr Identifikation ermöglichen? Es gibt unendlich viele Aufgaben. Vielleicht findet sich dann ja auch eine Lösung für das Problem, das Sie mit Ihrem Computer haben