Entwarnung Der Mann muss nicht aussterben
Das menschliche Y-Chromosom, entscheidend für die Ausbildung des männlichen Geschlechts, wird nach einer neuen Studie nicht so schnell verschwinden, wie von einigen Gen-Forschern vorhergesagt. Demnach hat das Y-Chromosom des Menschen im Unterschied zu dem des Schimpansen in den vergangenen sechs Millionen Jahren keine Gene verloren, wie das Wissenschaftsmagazin "Nature" berichtet (Bd. 437).
Offenbar leiste das Y-Chromosom "ziemlich gute Arbeit" im Bemühen um seine Selbsterhaltung, erklärte David Page vom Whitehead-Institute for Biomedical Research in Cambridge, Massachusetts. Das Y-Chromosom entstand vor 300 Millionen Jahren und hat seitdem durch Mutationen Hunderte seiner ursprünglichen Gene verloren. Es hat nur etwa ein Drittel der Größe des X-Chromosoms. Bei Frauen besteht das für die Ausbildung des Geschlechts entscheidende 23. Chromosom aus zwei X-Chromosomen, bei Männern aus einem X- und einem Y-Chromosom.
Die Forscher fanden heraus, dass das Y-Chromosom des Schimpansen in den letzten sechs Millionen Jahren fünf Gene verloren hat, das des Menschen aber kein einziges. Damit scheine die Theorie widerlegt zu sein, der zufolge das menschliche Y-Chromosom so schnell Gene verlieren sollte, dass es in zehn Millionen Jahren verschwunden sei, erklärte Page.
Jennifer Marshall Graves von der Universität in der australischen Hauptstadt Canberra sagte, die neuen Forschungen von Page seien "wunderschön". Die Ergebnisse erschütterten aber nicht ihre Überzeugung, dass das Y-Chromosom zum Untergang verurteilt sei. Die einzige Frage sei, wann dies geschehen werde. "Es kann viel eher als in zehn Millionen Jahren passieren, aber auch viel später." Danach werde vermutlich ein anderes Chromosom die Funktion der Geschlechtsbestimmung übernehmen.