Essstörungen: Reflexe trotzen dem vollen Magen - DER SPIEGEL
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Essstörungen Reflexe trotzen dem vollen Magen

Ein kleiner Hund steckt in jedem Menschen - zumindest ein Pawlowscher. Nur Völlegefühl schützt davor, bei unscheinbaren Signalen reflexartig zum Essen zu greifen. Ist diese Bremse gestört, drohen Alkoholismus und Essstörungen.
Von Alexander Stirn
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Klingeln, fressen, klingeln, fressen - bis irgendwann allein schon die Klingel den Speichel fließen lässt. Bereits 1897 hat der russische Physiologe Iwan Petrowitsch Pawlow dieses klassische Experiment durchgeführt und dabei erstmals gezeigt, dass auch unbewusste Reaktionen antrainiert werden können. "Konditionierter Reflex" nennen Wissenschaftler den Lernvorgang, der selbst hundert Jahre nach seiner Entdeckung die Forscher beschäftigt.

Ihr Interesse gilt dabei nicht nur tierischen Versuchsobjekten, sondern vor allem den Menschen, ihren Süchten und Sehnsüchten. Gong und Hundefutter haben ausgedient, abstrakte Bilder und Vanilleeis sollen die bedingten Reflexe auslösen - so zumindest in einer Studie, die ein Neurologen-Team vom Londoner University College jetzt im Fachblatt "Science" veröffentlicht hat.

Erdnussbutter statt Dosenfutter

Auf der Suche nach den Ursachen von Essstörungen und anderen Suchterkrankungen haben Jay Gottfried und Kollegen ihren 13 hungrigen Probanden abstrakte Computerbilder gezeigt. Gleichzeitig verströmten sie den Geruch von Erdnussbutter und Vanilleeis. Auf diese Weise lernten die Versuchspersonen bestimmte Bilder mit dem Verlangen nach dem jeweiligen Nahrungsmittel zu kombinieren - ganz ähnlich wie Pawlows Hunde. Zudem wurden bei den Probanden die Aktivitäten in verschiedenen Bereichen des Gehirns gemessen.

Anschließend durfte sich ein Teil der Freiwilligen den Magen mit Erdnussbutterbroten voll schlagen - genau so viel, dass sie sich satt, aber nicht übermäßig voll fühlten.

Zurück im Labor wurden die Probanden wieder Bildern und Gerüchen ausgesetzt. Dabei zeigte sich, dass die Gehirnaktivität bei der Reaktion auf die Erdnussbutter deutlich geringer ausfiel als zuvor. Der durch das Vanilleeis verursachte Reflex hatte sich dagegen nicht verändert.

Gottfried vermutet, dass genau dieser Prozess Mensch und Tier davor bewahrt, bei bestimmten Reizen übermäßig viel zu essen. Bestimmte Regionen des Gehirns, die auch für die emotionale Belohnung Drogenabhängiger zuständig sein, können offenbar ihre Aktivitäen herunterfahren und dadurch auf die Essbremse treten. "Würden wir jedesmal beim Geruch eines gegrillten Steaks zur Tür stürzen, wäre das etwas unpraktisch", sagt Gottfried.

Völlegefühl dämpft das Verlangen

Gelingt es dem Gehirn dagegen nicht, die Vorfreude auf ein bestimmtes Nahrungsmittel von einem optischen, akustischen oder auch ganz anderen Reiz zu trennen, könne das verschiedenartige Essstörungen auslösen. Der Körper reagiert dabei nicht mehr auf gewohnte Signale wie das Völlegefühl: Das gesamte System von konditioniertem Verlangen und bewusstem Widerstehen bricht zusammen.

Die Neigung des Gehirns, Verbindungen zwischen einem eigentlich unbedeutenden Signal und einer wie auch immer gearteten Belohnung herzustellen, beschränkt sich dabei nicht auf das Essen. Auch viele Süchte könnten auf diesen Zusammenhang zurückgeführt werden, glaubt Gottfried. Vermutlich fällt es, wie die Forscher in "Science" schreiben, vielen Alkoholikern gerade deshalb so schwer, trocken zu bleiben, weil viele unbewusste Kleinigkeiten aus ihrer Umgebung das Verlangen nach der Droge Alkohol wieder wachrufen.

Gottfried geht sogar noch einen Schritt weiter. Der im Gehirn verankerte konditionierte Reflex könnte nicht nur das plötzliche Verlangen nach Essbarem erklären. In ihm sehen die Neurologen viel mehr ein "anpassungsfähiges System des Lernens". Auf diese Weise könnten zunächst unscheinbare Hinweise dazu benutzt werden, wichtige Vorgänge vorherzusagen - während die meisten vom Gehirn registrierten Impulse automatisch als nutzlos abgetan werden.