Mensch-Neandertaler: Techtelmechtel im Pleistozän
Erster Nachweis in Europa Mensch ging mit Neandertaler fremd
Nach menschlichem Maß sind 5000 Jahre eine Unendlichkeit, in der Geschichte des irdischen Lebens dagegen nur ein bloßer Wimpernschlag. Maximal 5000 Jahre lang, möglicherweise sogar noch deutlich kürzer, lebten moderne Menschen und Neandertaler gemeinsam in Europa. Danach, vor etwa 40.000 Jahren, war der letzte der stämmigen Menschenvettern verschwunden.
Wie reagierten die beiden Urmenschtypen, wenn sie aufeinandertrafen? Schlugen sie sich wechselseitig die Köpfe ein? Machten sie sich die Nahrung streitig? Über diese Fragen werden die Urmenschenforscher wohl noch eine Weile rätseln. Eines aber ist jetzt gewiss: Beide hatten, zumindest gelegentlich, Sex miteinander.
In der Zeitschrift "Nature" berichten Leipziger Max-Planck-Forscher, dass sie modernen Mensch und Neandertaler beim artübergreifenden Seitensprung gleichsam in flagranti erwischt haben. Im Erbgut eines gut 40.000 Jahre alten Urmensch-Fossils aus Rumänien fanden sie verblüffend frische Beimischungen. Vier oder maximal sechs Generationen seien diese alt, so errechneten die Wissenschaftler. Einer der Ururgroßeltern dieses Steinzeitmenschen dürfte demnach ein Neandertaler gewesen sein.
Chimäre aus rumänischer Höhle
Die Gruppe um Genforscher Svante Pääbo hatte nach DNA-Resten im Unterkiefer eines Urmenschen gesucht, der in einer Höhle der Karpaten gefunden worden war. Ein zweites Fundstück aus der Höhle, einen fast vollständig erhaltenen Schädel, hatten die Forscher nicht angetastet. "Der ist zu schön, um ihn zu beschädigen", sagt Pääbo.
Blass, blond, blauäugig: Der Neandertaler, ein Proto-Europäer
Die rumänischen Funde hatten gleich nach ihrer Entdeckung im Jahre 2002 das Interesse der Paläoanthropologen geweckt - nicht nur weil sie zu den ältesten Überbleibseln moderner Menschen in Europa zählen, sondern auch weil der Schädel einige eigenartige Merkmale hat. Zwar weisen ihn das prägnante Kinn und die hohe runde Schädeldecke unverkennbar als modernen Menschen aus. Die mächtigen Knochenplatten hinter den Ohren und die großen Zähne dagegen erinnern an den Neandertaler. War es möglich, dass es sich hier um eine Art Chimäre handelte?
Pääbo war schon im Jahre 2009 nach Bukarest gereist, um eine Probe zu entnehmen. Doch sein erster Versuch, die Abstammung der rumänischen Höhlenmenschen zu bestimmen, scheiterte - zu wenig Erbmaterial fand sich in dem Knochen.
DNA des Neandertalers
Seither jedoch haben er und sein Team enorme Fortschritte gemacht. Im Jahre 2010 veröffentlichten sie die vollständige Genom-Sequenz des Neandertalers, im Jahr darauf diejenige eines weiteren Urmensch-Typen, der inzwischen unter dem Namen "Denisovaner" bekannt ist. Im Zuge dessen haben die Leipziger Forscher ihre Technik, DNA aus Steinzeitfossilien zu gewinnen, erheblich verfeinert. Deshalb durchforsteten sie ihren Keller nach Knochenpulver, das von früheren Untersuchungen noch übrig war. Auch dasjenige aus Rumänien war darunter.
Umdenkprozess: Die Kunst der Neandertaler
Diesmal funktionierte es. Zwar stammten weit mehr als 99 Prozent des Erbguts in den Knochen von Bakterien und Pilzen. Doch die verbesserte Methode erlaubte es, in dem winzigen Rest menschlichen Erbmaterials gezielt nach aufschlussreichen Chromosomenabschnitten zu fahnden. So bestätigte sich der Verdacht, dass es sich bei dem Karpaten-Menschen um eine Art Mischwesen handelte: In seinen Adern floss auch Neandertaler-Blut.
Dieser Befund ist vor allem deshalb von Bedeutung, weil es bisher keinen Beleg für eine Vermischung der beiden Arten in Europa gab. Zwar ist inzwischen unstrittig, dass es zu einem wesentlich früheren Zeitpunkt in der Levante zu sexuellen Kontakten beider Menschentypen gekommen ist - und auch in Sibirien. Davon zeugen bis heute Schnipsel des Neandertaler-Genoms, die sich verstreut im Erbgut aller nicht-afrikanischen Menschen finden. Für einen späteren Beitrag in Europa jedoch fehlt jede Spur.
Frühes Techtelmechtel
Dies spricht dafür, dass das Schäferstündchen in den Karpaten ohne Folgen für die weitere Geschichte Europas blieb. Pääbo vermutet, dass in der rumänischen Höhle eine erste Gruppe von Einwanderern hauste, die freizügigeren Umgang mit den angestammten Neandertalern pflegte. Doch seien diese dann von einer zweiten Welle von Zuwanderern verdrängt worden, die, aggressiver und womöglich besser bewaffnet, den Neandertalern den Garaus machten.
Noch ist dies nicht mehr als eine Hypothese. Und auch Pääbo weiß, dass es nicht einfach sein wird, ein solch detailliertes Szenario allein anhand des Erbguts zu rekonstruieren. Die Erfolge der letzten Jahre jedoch stimmen ihn optimistisch. "Wir sind voller Hoffnung, dass wir in den nächsten Jahren noch viel lernen werden", sagt er.