Evolution: Streithälse kommen auf kurzen Beinen - DER SPIEGEL
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Evolution Streithälse kommen auf kurzen Beinen

Im Kampf um Weibchen verhalf Kleinwuchs zum Sieg, glaubt ein Biologe, der neun verschiedene Affenarten auf Sozialverhalten und Körpergröße untersucht hat. Seine These: Je kürzer die Beine, desto streitsüchtiger das Tier.
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Kleine Männer kriegen weniger Gehalt als hoch gewachsene, sie experimentieren mehr im Bett, sie haben schlechtere Jobs und seltener Kinder, sind gesünder, treuer, umweltfreundlicher. Zahlreiche solcher mehr oder minder belegter Aussagen oder Plattitüden beleben das Klischee vom kleinen Mann und seinen Komplexen immer wieder aufs Neue.

Auch die Vorfahren des Homo sapiens müssen mitunter herhalten, wenn es um Körpergröße und Sozialverhalten geht. Der US-Biologe David Carrier von der University of Utah in Salt Lake City stellt jetzt in der Fachzeitschrift "Evolution" (Bd. 61, S. 596) die These auf, dass Beinlänge und Aggressivität beim Männchen direkt miteinander verknüpft sind - frei nach dem Motto: Je kürzer die Beine, desto streitsüchtiger der Affe.

Bislang sind Forscher davon ausgegangen, dass eine geringe Körperhöhe auch im Lauf der Evolution lange erhalten blieb, weil sie vor allem beim Klettern half. Auch der berühmte weibliche Vormensch "Lucy", dessen Skelett Wissenschaftler 1974 fanden, hatte relativ kurze Beine. "Lucy" gehörte zu den sogenannten Australopithecinen, einer Vormenschen-Gattung, die vor vier bis vor zwei Millionen Jahren lebte. Obwohl diese Frühmenschen wahrscheinlich bereits aufrecht gehen konnten, hatten sie noch ungewöhnlich kurze Beine: Zwar waren die länger als die Extremitäten von Schimpansen, aber doch deutlich kürzer als die ihrer Nachfahren von der Gattung Homo.

Sicherer Stand beim Kampf ums Weibchen

Carrier hält die gängige Körpergrößen-Kletter-Erklärung für nicht sehr wahrscheinlich. Schließlich, argumentiert der Forscher, verbringen heute gerade die Affen mit den vergleichsweise kürzesten Beinen - nämlich männliche Orang-Utans und Gorillas - die geringste Zeit auf Bäumen. Vielmehr hätten der feste Stand und der niedrige Schwerpunkt kurzer Beine entscheidende Vorteile im Kampf Mann gegen Mann verschafft.

Um diese These zu untermauern, untersuchte der Biologe bei acht Primatenarten, darunter Gorillas, Schimpansen, Orang-Utans, Gibbons, Paviane und Meerkatzen, ob es einen Zusammenhang zwischen Beinlänge und Aggressivität der Männchen im Streit um die Weibchen gibt. Als Maß für die Kampfbereitschaft der Männchen dienten Carrier dabei der Unterschied zwischen Männchen und Weibchen in Körpergröße und die Länge der Eckzähne - beides Kriterien, für die frühere Studien bereits einen Zusammenhang mit Aggressivität nachgewiesen hatten.

Seine Ergebnisse: Je kürzer die Hinterbeine der Tiere, desto ausgeprägter waren die Unterschiede zwischen den Geschlechtern bezüglich Körperlänge und Größe der Eckzähne. Das zeige, dass kürzere Beine tatsächlich mit einer erhöhten Aggressivität einhergingen. Carrier folgert daraus, dass wahrscheinlich auch die Australopithecus-Männchen häufig miteinander kämpften.

Allerdings gebe es auch Ausnahmen von dieser Regel: Bonobos haben zwar kürzere Beine als Schimpansen, sind aber friedlicher, wohingegen Menschen längere Extremitäten haben, jedoch zu den aggressiveren Arten gehören. "Wir müssen verstehen, dass schon die Vorfahren des Homo sapiens gewalttätig waren", sagte der Biologe. Und auch der moderne, heute lebende Mensch zähle - egal ob groß oder klein - zu den aggressiven Tieren. In diesen Fällen, so Carriers Erklärung, habe es wohl einen anderen die Beinlänge bestimmenden Faktor gegeben, der für das Überleben wichtiger war als der Vorteil beim Kämpfen.

hei/ddp