Experiment Rassismus wird unbewusst toleriert
Political Correctness hat in den USA eine große Bedeutung. Zumindest öffentlich achten die meisten Menschen peinlich darauf, Verhaltensweisen zu vermeiden, die in irgendeiner Weise als rassistisch gedeutet werden könnten, und verwahren sich vehement gegen die Bezeichnung "Rassist". Rassistische Schimpfwörter, die in manchen Fernsehsendungen schon mal fallen, werden konsequent mit einem Piepton übertönt.
Zugleich sind aber offen rassistische Äußerungen und Taten gegenüber Schwarzen in Nordamerika an der Tagesordnung. So haben laut aktuellen Umfragen mehr als zwei Drittel aller Afroamerikaner bereits Diskriminierungen an ihrem Arbeitsplatz erlebt, 50 Prozent berichten von regelmäßigen verbalen Entgleisungen ihrer Mitmenschen.
Forscher der Yale University in New Haven haben nun in einem Test mit 120 Studenten die Ursachen dieser Diskrepanz untersucht - und sind fündig geworden. US-Amerikaner lehnten zwar Rassismus ab, tendierten aber dazu, ihr eigenes antirassistisches Engagement zu überschätzen.
In ihrem Experiment ließen John Dovidio und seine Kollegen zunächst einen Teil der Probanden direkt einen rassistischen Vorfall beobachten: Ein weißer angeblicher Mitstudent wurde von einem schwarzen leicht angerempelt und ließ daraufhin Bemerkungen wie "typisch, ich hasse es, wenn Schwarze so etwas tun!" oder "ungeschickter Nigger!" fallen.
Eine weitere Probandengruppe sah die Situation später entweder auf Video oder bekam sie erzählt. Alle Probanden sollten anschließend angeben, wie sie sich gerade fühlten, und dann entscheiden, mit welchem Mitstudenten sie zusammenarbeiten wollten.
Wer das Geschehene nur indirekt miterlebt hatte, reagierte mit Empörung und war deutlich weniger bereit, mit dem angeblichen Rassisten zusammenzuarbeiten, schreiben John Dovidio und seine Kollegen im Fachmagazin "Science" (Bd. 323, S. 276). Dagegen blieben diejenigen, die beim Vorfall anwesend waren, überraschend cool und ließen sich in ihrer Wahl kaum beeinflussen.
Die Gründe dafür seien vielschichtig, schreiben die Forscher. Das eigene Verhalten werde nicht nur von den Regeln bestimmt, die der Verstand als richtig erkenne, sondern auch von intuitiven Gefühlen - und dazu gehöre auch die unbewusste Identifikation mit anderen, beispielsweise über die gleiche Hautfarbe. Zudem tendiere das Gehirn dazu, negative Vorkommnisse zu filtern und sie so weniger schlimm erscheinen zu lassen. Es gelte nun, die Diskrepanz zwischen Selbsteinschätzung und tatsächlichem Verhalten stärker ins Bewusstsein der Menschen zu bringen, fordern Dovidio und seine Kollegen.