Flossen-Massage Wenn Putzerfische zärtlich werden
Menschen tauschen nach einem Streit Zärtlichkeiten aus, um sich wieder zu versöhnen. Doch diese soziale Strategie ist offenbar nicht nur, wie man bisher glaubte, ein Privileg hoch entwickelter Säugetiere. Auch der eher unscheinbare Putzerfisch ist ein Meister des Konfliktmanagements, berichten deutsche Wissenschaftler.
Labroides dimidiatus, so der lateinische Name des Fisches, erarbeitet sich seine tägliche Nahrung mit einer Dienstleistung: Er frisst Parasiten, die sich im Schuppenkleid größerer Fische eingenistet haben. Aber der Putzerfisch belässt es nicht bei der Reinigung seiner Kunden - regelmäßig streichelt er ihnen per Flossenschlag den Rücken.
Um den Sinn der ungewöhnlichen Massage zu ergründen, haben die zwei Verhaltensbiologen den Alltag von zwölf Putzerfischen im Ras Mohammed Nationalpark vor der Küste Sinais akribisch dokumentiert. Insgesamt 112 Stunden verbrachten Redouan Bshary vom Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie und Manuela Würth von der TU München unter Wasser.
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Wie sich zeigte, wird das Vertrauensverhältnis zwischen dem Putzerfisch und seinem Klienten immer wieder erschüttert. Der Grund dafür ist die Fressgier des kleineren Partners: Weil die Suche nach Parasiten aufwendig ist, knabbert er häufig auch an Schleimschicht und Schuppen seines Kunden. "Die Fische reagieren darauf oft mit Wegschwimmen oder mit einem Angriff auf den Putzer", berichtete Bshary im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.
Mit Hilfe von Streicheleinheiten, so hat der Verhaltensbiologe beobachtet, kann der Übeltäter die verstimmten Fische fast immer beschwichtigen. "Der Kunde hält wieder ruhig und der Putzer kann weiter inspizieren", so Bshary. "Funktionell betrachtet ist dieses Verhalten eine Versöhnung zwischen zwei Kooperationspartnern nach einem Konflikt."
Die bemerkenswerte Gabe entwickelte der Putzerfisch vermutlich, um sich in seinem komplexen sozialen Umfeld behaupten zu können. Jedes der von Bshary und Würth studierten Tiere empfing täglich mehr als hundert Kunden, die bis zu 50 verschiedenen Arten angehörten. Neben harmlosen Fischen säubert der Putzer auch Räuber, bei denen er offenbar eher um Konfliktvermeidung bemüht ist: Er streichelt sie besonders häufig und vermeidet kräftige Bisse.
Manche Fische besuchen sogar über längere Zeit denselben Putzer, so dass feste Beziehungen entstehen. Möglicherweise verbessern die Kunden durch eine regelmäßige Flossen-Massage ihre Erfolgschancen. Bshary und Würth, die ihre Ergebnisse in den "Proceedings B" der Royal Society of London veröffentlichten, schlagen deshalb vor, die Stresshormone der Klienten zu messen. Fällt der Pegel durch die Zärtlichkeiten, bleibt der Kunde vielleicht fitter für die Fortpflanzung.