Forensisches Experiment: Graben im Versuchsfeld des Grauens - DER SPIEGEL
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Forensisches Experiment Graben im Versuchsfeld des Grauens

Verstreute Skelette, Patronenhülsen, Kleidungsstücke: Seit Tagen arbeiten Forscher an einem riesigen Massengrab im Süden Englands. Das ist zwar nur eine Attrappe, doch echt genug, um Fachleute auf die Grauen in Bürgerkriegsgebieten vorzubereiten - wo sie wichtige Beweise sichern sollen.
Von Philip Oltermann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Bräutigam schaut ein wenig besorgt drein. Es ist ein Sommernachmittag im südenglischen Landkreis Dorset, ganz in der Nähe der Millionärsenklave Sandbanks, und auf der Waldlichtung haben sich bereits die ersten Hochzeitsgäste versammelt. Auf dem Nachbargrundstück trägt man ebenfalls Weiß. Doch die 30 Gestalten in Overalls, die durchs Gelände stapfen, sehen nicht besonders feierlich aus.

Die Männer und Frauen hantieren mit Schaufeln, Spachteln und Vermessungsapparaten. Immer wieder werden Leichensäcke abtransportiert; ab und zu werden Anweisungen gebrüllt: "Minenalarm - Grabstätte evakuieren!"

Zum Glück für das Brautpaar handelt es sich nicht um einen Ernstfall, sondern ein groß angelegtes Experiment. Die Minen sind Attrappen, die Skelette in den Leichensäcken aus Plastik - wenn auch lebensecht und direkt aus Hollywood importiert. Anfang des Monats wurden die künstlichen Leichenreste auf dem Grundstück vergraben. Seit rund einer Woche lernen Studenten und Nachwuchsforscher, darunter Archäologen, Biologen und Mediziner, das Massengrab fachgerecht zu inspizieren. So sollen sie fitgemacht werden für einen möglichen Einsatz in Bürgerkriegsgebieten.

Massenmord nur noch schwierig zu vertuschen

Ausgedacht hat sich das Experiment Ian Hunter, Archäologielektor in der Abteilung für forensische Archäologie an der Bournemouth University. Seit rund zehn Jahren befasst er sich mit der Aushebung und Analyse von Massengräbern in internationalen Konfliktgebieten. Von 1997 bis 2001 verbrachte er vier Jahre in Bosnien; seitdem hat er unter anderem im Kongo und im Irak, in Guatemala und auf Zypern gearbeitet.

Menschen wie Hunter liefern den Uno-Kriegsverbrechertribunalen wichtige Beweismittel und stellen sicher, dass die Körper der Verstorbenen wieder an ihre Familien zurückgeführt werden. Das Ziel ihrer Arbeit ist die Wiederentdeckung jener, die eigentlich verschwunden sein sollten. Und sie hoffen, dass ihre Arbeit auch präventive Wirkung hat: "Selbst die schlimmsten Kriegsverbrecher wissen inzwischen, dass sie es heutzutage schwer haben werden, einen Massenmord zu vertuschen", sagt Hunter.

So gefragt forensische Experten bei Menschenrechtlern und Uno-Ermittlern sind, so unbeliebt sind sie oft in den Gegenden, in denen sie arbeiten. Die Bedingungen des Experiments in Bournemouth sind realistisch - und dementsprechend beschwerlich. Zu Anfang des Experiments informierte Hunter seine Studenten, dass es "Hinweise auf einen Konflikt zwischen den Bürgern von Dorset und dem Nachbarstaat Hampshire gäbe". Anhand von Satellitenfotos, verstreuten Knochen und Kleidungsstücken im umliegenden Wald sowie einer genauen Analyse der Vegetation musste das Team die Lage des Grabs selbst ermitteln.

In der Nacht spielte Hunter gern den Saboteur: Eines Morgens fanden die Studenten eine versteckte Bombenattrappe am Eingang der Grabstätte. Mitte der Woche übergab Hunter dann ein Telegramm der Uno: Die Blauhelme seien ungeduldig, bis Samstag müsste die Aushebung vollbracht sein. Wie der Zufall es will, liegt ein Miltärübungsplatz in der Nähe der Grabstätte: Hubschrauberknattern und Panzergrollen erzeugten einen unheimlich realistischen Soundtrack.

Eine Entscheidung von Minuten: Abfall oder Beweismittel

Kurz vor Ende des Projekts ist die Gruppe gehetzt: Die Körper der Toten sind zum größten Teil schon aus dem Grab entfernt worden, aber in der losen Erde finden sich durch Kleinarbeit immer weitere Indizien. Die meisten Forscher liegen auf Holzbrettern über den Grabstellen und stochern mit Spachteln im Erdreich: Versteinerte Reifenabdrücke, rostige Nägel, Kondomhüllen - sind sie Abfall oder Beweismittel? Innerhalb von Minuten muss entschieden werden, ob das Fundstück für die Untersuchung wichtig sein könnte oder nicht.

Immer wieder stoßen die Mitglieder des Suchtrupps auf Patronenhülsen. Sie sind genauso aussagekräftig wie die Positionen und Verstümmelungen der Skelette. Wer genau hinschaut, kann auf den Hülsen ein Datum finden, das ähnlich wie bei Münzen in das Metall graviert wird. Ein Indiz, das zu den Tätern führen kann. Doch das Problem bleibt: Zu viele Beweismittel, zu wenig Zeit.

Einen gewissen Stolz können die Teammitglieder in ihren weißen Overalls trotzdem nicht verbergen. "Viele Leute bewerben sich heutzutage für Biologie- oder Archäologiekurse, weil sie 'CSI: Miami' im Fernsehen gesehen haben und deswegen denken, Spurensicherung sei nicht nur spannend, sondern auch einfach", sagt Rebecca Plumley von der University of the West of England in Bristol. In Wirklichkeit gehöre aber jede Menge Ausdauer, Muskelkraft und Leidensfähigkeit dazu.

So liefen etwa an einem Tag der Untersuchung die Gräber mit Regenwasser voll - die Entwässerung dauerte einen Tag. Dann folgte die Arbeit im Schmutz. Zwischen Image und Realität liegen Welten, sagt Plumley: "Mit Pumps auf der Grabstelle rumstöckeln wie die 'CSI'-Inspektorinnen? Nie im Leben!"

Experimentleiter Hunter hofft, dass die wachsende Zahl forensischer Fachkräfte, die mit Experimenten wie dem aktuellen Großversuch in Südengland fortgebildet werden, auf autokratische Regime abschreckend wirkt: "Am liebsten hätte ich es natürlich, dass wir schon morgen mit einem Dutzend hupender Busse an der Grenze zu Simbabwe stehen. Damit die wissen: Wir sind bereit."

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