Forschungserfolg Muskelproteine könnten Dopingsünder überführen
Eine spanische Radfahrerin, ein taiwanesischer Baseball-Spieler, ein bulgarischer Volleyballer - bei den olympischen Spielen in China haben Dopingfahnder bereits drei Verdächtige herausgefischt, die sich vermutlich mit verbotenen Substanzen gestärkt haben. Viele Athleten entwischen den Kontrollen jedoch mit immer neuen Substanzen. Daher suchen Wissenschaftler schon jetzt nach Nachweisverfahren für Mittel, die es mitunter noch gar nicht gibt. Das klingt zwar unmöglich, doch Biologen von der Deutschen Sporthochschule (DSHS) in Köln ist jetzt nach eigenen Angaben ein Teilschritt dahin gelungen.
Das Verfahren ist von der Idee her simpel: Das Team um Patrick Diel vom Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin an der DSHS hat sich den Muskelstoffwechsel genauer angesehen. Der bietet sich für Manipulationen besonders gut an: Herkömmliche Dopingmittel wie anabole Steroide beeinflussen Kraft und Muskelwachstum ebenso wie möglicherweise auch Gendoping, das Forscher allerdings noch nicht nachweisen können. Eine zentrale Rolle im Regelwerk der Muskeln spielt Myostatin. Das Protein hemmt das Wachstum der Muskeln und sorgt so für ein Gleichgewicht im Körper. Wer sich dopen will, blockiert sein Myostatin - die Muskeln schwellen schnell zu großen, kräftigen Bergen an.
Diel und seine Kollegen haben zunächst die physiologische Situation analysiert, in der sich Myostatin und seine Gegenspieler die Waage halten. Drei Gruppen von Probanden - Querschnittsgelähmte, Sportstudenten und Bodybuilder, von denen die Forscher annahmen, dass sie gedopt waren - ließen ihre Blut-, Urin- und Speichelproben auf die Muskelproteine untersuchen. Dafür verwendeten das DSHS-Team eine hochempfindliche Analysetechnik, die genau jene Proteine erkennt, die bei jedem Menschen den Muskelaufbau regulieren. Die Forscher entdeckten, dass die Querschnittsgelähmten und die Sportstudenten ein ähnliches Verhältnis von Myostatin zu den Inhibitoren hatten. Das Profil der Bodybuilder hingegen unterschied sich deutlich von den Ergebnissen der ersten beiden Gruppen.
"Wir wissen jetzt, was wahrscheinlich physiologisch ist und dass wir Unterschiede sicher nachweisen und quantifizieren können", sagt Patrick Diel im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Damit haben wir die Grundlagen geschaffen, um eine Blockade von Myostatin nachzuweisen." Der Welt-Antidoping-Agentur Wada hat Diel seine Ergebnisse bereits vorgelegt und hofft nun auf einen neuen Forschungsauftrag: "Es gibt noch viele offene Fragen", so Diel. "Wir wissen beispielsweise noch nicht, wie das Proteinverhältnis bei Frauen aussieht und wie es sich verändert, wenn verschiedene Myostatin-Blocker eingesetzt werden."
Das jedoch ist ein zentraler Punkt: Wenn die Wissenschaftler nicht nachweisen können, ob Anabolika oder aufgemöbelte Gene das Protein hemmen, bleibt es nur bei einem Verdacht. Denn um Sportler zu sanktionieren, fordert die Wada einen direkten Nachweis des Dopingsmittels. "Ich glaube, dass die Wada diese Strategie verändern wird", meint Diel. "Es wird in Zukunft noch viel mehr Dopingmittel geben, die wir nicht nachweisen können. Es muss sich zeigen, wie man damit juristisch umgehen wird."
Bis die Wada die neue Methode der DSHS aber eventuell als Nachweisverfahren zulässt, werden vermutlich Jahre vergehen. Der Wettlauf der Dopingfahnder mit den Athleten bleibt also weiterhin eine Verfolgungsjagd - und ist von einem Kopf-an-Kopf-Rennen weit entfernt.
hei