Französin Germaine de Staël - DER SPIEGEL
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Altes Reich und neue Macht Naive Genies

Die lebenslustige Französin Germaine de Staël prägte im 19. Jahrhundert das Bild der Deutschen in der Welt.
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Friedrich Schiller war gereizt. Endlich wollte er die Arbeit an seinem Drama "Wilhelm Tell" beenden, doch daran war in diesen ersten Tagen des Jahres 1804 gar nicht zu denken. Und zwar wegen einer Französin: "Madame de Staël will noch 3 Wochen hier bleiben", schrieb der Dichter am 14. Januar entnervt seinem Freund Johann Wolfgang von Goethe.

Die "streitfertigste und redseligste" Schriftstellerin, die schon seit drei Wochen in Weimar weilte, werde aber schon noch lernen, "dass man wissen muss, zu rechter Zeit zu gehen". Ihm sei, schrieb er sechs Wochen später, "nach der Abreise unsrer Freundin nicht anders zu Mut, als wenn ich eine große Krankheit ausgestanden hätte".

Schillers Frust bezog sich auf die zu dieser Zeit wohl einflussreichste Frau der intellektuellen Welt des Kontinents. Anne Louise Germaine de Staël-Holstein, streitbare Autorin mit Hang zum Monologisieren, prägte das Bild von Deutschland als Nation der Dichter und Denker wie niemand zuvor oder danach.

Dass diese Formel binnen kurzer Zeit um die Welt ging, erreichte die Baronin mit ihrem Buch "De l'Allemagne", "Über Deutschland". Es erschien 1813 und entfaltete im 19. Jahrhundert rasch enorme Wirkung.

SPIEGEL GESCHICHTE 3/2016

Das Reich der Deutschen: 962-1871 - Eine Nation entsteht

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Grundlage ihres Werks waren Beobachtungen, die Staël auf langen Reisen durch unzählige Fürstentümer und Städte östlich des Rheins zwischen 1803 und 1808 gesammelt hatte. Sie schöpfte aus Begegnungen mit dem preußischen Königspaar und mit Denkern wie Johann Gottfried Herder, Christoph Martin Wieland und August Wilhelm Schlegel, sie hatte große Auftritte in Berlin und Wien und galt schon bald als eine der berühmtesten Europäerinnen ihrer Zeit.

Geplant hatte Staël all das nicht.

Die Tochter des letzten Finanzministers der französischen Monarchie, 1766 in Paris geboren, gehörte seit ihrer Jugend zur intellektuellen Elite des Landes und war eine der reichsten Erbinnen Europas. Nach der Hochzeit mit dem schwedischen Botschafter Eric Magnus Baron Staël von Holstein 1786 führte sie in der Pariser Rue du Bac einen hoch angesehenen Salon, verfasste nebenbei Romane und politische Schriften, traf regelmäßig Adlige, Diplomaten und ausländische Gäste. In diesen Jahren entwickelte die wohlbeleibte Brünette jenes Selbstbewusstsein, mit dem sie Staatsmänner und Professoren gleichermaßen vereinnahmte.

Schon zu dieser Zeit begann sie, sich auch in Deutschland einen Namen zu machen. Die politischen und philosophischen Gedanken, die ihrem Pariser Salon entstammten, gelangten bis nach Weimar. Im Oktober 1795 setzte sich Goethe an die Übersetzung von Staëls literaturtheoretischem "Essai sur les fictions". Über eine andere Schrift der Autorin schrieb Schiller später, er erwarte diese "mit Begierde".

Staëls Engagement blieb jedoch zunächst vor allem politischer Natur. Mit ihren unverhohlenen Sympathien zunächst für royalistische, später republikanische Ideen handelte sie sich bereits 1795 den ersten Landesverweis ein - und wenige Jahre später einen mächtigen Feind: Napoleon Bonaparte. Von dem Herrscher seit 1803 aus Paris verbannt, bereiste Staël fortan Mitteleuropa.

Vor allem das in unzählige Territorien zersplitterte Deutschland interessierte die Exilantin immer mehr. Bereits 1795 schwärmte sie von Goethes Briefroman "Die Leiden des jungen Werthers", fünf Jahre später nahm sie Deutschunterricht bei Wilhelm von Humboldt. "Ich glaube mit Ihnen", schrieb sie schließlich 1802 dem Philosophen Charles de Villers, "dass der Genius der Menschheit, der von einem Lande zum anderen zu ziehen scheint, jetzt in Deutschland zu finden ist." Sie zeigte sich überzeugt, "dass ich nur dort neuen Gedanken und neuen Gefühlen begegnen werde".

Die Suche danach führte sie 1803 über Frankfurt, Fulda und Gotha nach Weimar. Dort traf sie zunächst Schiller, der von ihrem vereinnahmenden Wesen ebenso fasziniert wie überfordert war. "Ihr schöner Verstand erhebt sich zu einem genialischen Vermögen", schrieb er einmal Goethe und fügte hinzu: "Das einzig Lästige ist die ganz ungewöhnliche Fertigkeit ihrer Zunge, man muss sich ganz in ein Gehörorgan verwandeln, um ihr folgen zu können."

Von Weimar aus reiste sie weiter nach Berlin und schließlich zurück in das Schloss Coppet am Genfer See. Auf dem feudalen Anwesen ihrer Eltern zeigte sich anhand der Unbeständigkeit in anderen Lebensbereichen, wie außergewöhnlich ihr beständiges Interesse an den Deutschen war. Im Mikrokosmos Coppet ließ Staël ihrem Drang nach ständigem Austausch mit anderen Männern freien Lauf, intellektuell und erotisch: Unzählige Denker und Künstler aus allen Teilen Europas verwandelten den Musenhof in eine europäische Denkfabrik fast ohne Tabus: Staël und mancher Besucher konsumierten reichlich Opium, und mit einigen Gästen ging die Hausherrin stürmische Affären ein.

Fünf Kinder brachte Germaine de Staël zur Welt, das jüngste mit fast 46 Jahren, vermutlich gab es vier verschiedene Väter. Ihrer ersten Ehe folgten Liebschaften mit dem zwischenzeitlichen Kriegsminister Louis de Narbonne-Lara, dem Staatstheoretiker Benjamin Constant, dem früheren Bischof Abbé de Talleyrand, dem Historiker Prosper de Barante, dem Ratsherrnsohn John Rocca. Und das sind nur einige der Beziehungen Staëls, über die es schon zu Lebzeiten hieß: "Die Royalisten empfing sie am Morgen, die Girondisten zum Dinner, die Jakobiner zum Souper - und bei Nacht empfing sie jedermann."

Eine Konstante dieser Jahre blieb ihre Neugier auf die Menschen zwischen Köln und Königsberg, wenngleich dieses Interesse bald auch von politischen Erwägungen bestimmt war: Östlich des Rheins wollte sie ihren Einfluss nutzen, um Widerstand gegen ihren Erzfeind Napoleon anzufachen. Ende 1807 brach die 41-Jährige erneut auf, diesmal zunächst nach Süddeutschland und Österreich. Nach Stationen in Ulm und Günzburg sowie einem Treffen mit dem Philosophen Friedrich Schelling in München erreichte Staël am 28. Dezember Wien.

Dort traf sie während ihres viermonatigen Aufenthalts Fürsten, Botschafter und Minister, sie lernte Kaiser Franz und dessen Frau Maria Ludovika kennen und ließ sich von Adligen aus ganz Europa einladen. Die prominente Gegnerin des in Österreich verhassten Napoleon genoss einen euphorischen Empfang, wohingegen ihr Deutschland-Buchprojekt auf Skepsis stieß. So befand Wilhelm von Humboldt: "Sie ist nicht innerlich, nicht natürlich und nicht idealistisch genug dazu."

Tatsächlich war Staëls Blick auf die deutsche Literatur wohl mehr von Sympathie als von Kenntnis getragen, ihre tiefe Verbundenheit mit Deutschland lässt sich aber kaum bestreiten: "Von den Alpen bis zum Meere, zwischen dem Rhein und der Donau, findet man ein mit Eichen und Fichten bewachsenes Land, von majestätisch-schönen Flüssen durchschnitten, von Bergen malerischer Art durchkreuzt" - das war für sie die eine Seite des Landes, das ihr auch eine andere gezeigt hatte: "Aber unabsehbare Heiden, Sandschollen, oft vernachlässigte Wege, ein raues Klima erfüllen im ersten Augenblicke die Seele mit Traurigkeit."

Als Staël 1810 die Arbeiten an "De l'Allemagne" beendete, hatte sie auf Hunderten Seiten ein ebenso facettenreiches wie subjektives Panorama entworfen: Im ersten Teil geht es um "die Sitten der Deutschen", dann folgen 32 Kapitel über Schriftsteller und ihre Werke sowie zwei kürzere Abhandlungen über Philosophie und Religion. Durchzogen ist das ganze Buch von der Idee, das "Herz von Europa" sei das Gegenbild ihrer Heimat: Frankreich war demnach militaristisch, Deutschland friedliebend. Frankreich ließ sich von Napoleon unterjochen, in Deutschland waren zumindest die Gedanken frei.

Womöglich auch wegen dieser verengten und verzerrten Perspektive geriet Staëls Deutschlandporträt ziemlich unvollständig. Der Name ihres berühmten Zeitgenossen Ludwig van Beethoven taucht im Musikkapitel gar nicht auf, und die Autorin bestreitet die Existenz bemerkenswerter Gebäude in deutschen Städten abseits einiger gotischer Kleinode. Die Prachtbauten des preußischen Baumeisters Karl Friedrich Schinkel gab es während ihres Berlin-Besuchs noch nicht.

Und die Deutschen selbst? Richtig gut kommen sie erst einmal nicht weg. Sie sind Staël zufolge "aufrichtig und treu", trinken aber in überheizten, vollgequalmten Räumen literweise Bier und raffen sich nur allzu ungern zu Entscheidungen oder gar Abenteuern auf. "Die Liebe zur Freiheit ist bei den Deutschen nicht entwickelt", behauptete die Autorin, ein wenig im Widerspruch zu ihrem Urteil über die Gedankenfreiheit. Nicht gerade schmeichelhaft auch dies: "Dem Deutschen fehlt es, mit wenigen Ausnahmen, an Fähigkeiten zu allem, wozu Gewandtheit und Geschicklichkeit erfordert wird." Schon 1804 hatte Staël in ihrem Reisetagebuch mit Blick auf die individuelle Bildung der Deutschen die Sorge geäußert, "dass die harmlose Philosophie aus dem Norden Deutschlands vielleicht nicht lange großen Einfluss auf die Verbesserung des Menschengeschlechts haben wird".

Begeisterung spricht hingegen aus Staëls Zeilen in "De l'Allemagne" über Sprache, Musik, Kunst. "Es gibt in Deutschland Schätze von Ideen und Kenntnissen, welche die übrigen Nationen Europas in sehr langer Zeit nicht erschöpfen werden", schrieb sie. Zwar überließen deutsche Geistesgrößen "den irdischen Machthabern die ganze Wirklichkeit des Lebens", doch könne man sich, so formulierte sie es schon vor Veröffentlichung ihres Buches, "keine Vorstellung davon machen, wie verbreitet die Bildung in Deutschland ist". Die deutsche Sprache war in ihren Augen elegant und präzise, deutsche Universitäten "die besten von ganz Europa". Badener und Preußen, Holsteiner und Bayern waren demnach: ein Volk naiver Genies.

Viele Deutsche, die bereits einen genauen Blick in das Manuskript werfen konnten, fühlten sich missverstanden. Manche beklagten, "De l'Allemagne" nehme vor allem die Perspektive des Literaturhistorikers Schlegel ein, der Staël seit 1804 als Berater und Kindererzieher begleitete. Besonders hart fiel das Urteil des Schriftstellers Karl August Varnhagen von Ense aus, der das Werk als "sehr lächerliches, abgeschmacktes Buch voller Karikatur" verriss.

Aussagen, die verletzend wirken können, finden sich reichlich. Die Deutschen möchten, schrieb sie, "dass Ihnen in Bezug auf ihr Verhalten jeder einzelne Punkt vorgeschrieben werde". So komme es, "dass sie die größte Gedankenkühnheit mit dem untertänigsten Charakter vereinen". An anderer Stelle heißt es sogar: "Leider muss man bekennen, dass die Deutschen der Jetztzeit das, was man Charakter nennt, nicht besitzen."

Dass sich viele gegen solche Zuweisungen sträubten, hängt wohl auch mit methodischen Problemen zusammen. Zwar wusste die Autorin etwa um die schier unlösbare Schwierigkeit, "wie man so verschiedenartige Religionen, Regierungsformen, klimatische Verhältnisse, ja Völker unter einen und denselben Gesichtspunkt bringen soll". Doch ihre so objektiv und kritisch daherkommende Studie stützte sich auf keinerlei echte Empirie, sondern verallgemeinerte Einzelbeobachtungen aus den Wohnstuben der deutschen Geisteselite. So ist Staëls Werk vor allem der Erfahrungsbericht einer Reporterin, darüber hinaus auch Vorläufer einer neuen Wissenschaftsgattung: der Literatursoziologie.

Einem Erfolg des Buches stand im Herbst 1810 nur noch einer im Weg: Napoleon. Denn jetzt lagen die Korrekturfahnen für die dreibändige Ausgabe vor, sie hatte sich selbst auf Schlössern an der Loire darum kümmern können, und die französische Zensurbehörde schickte lediglich kleinere Änderungswünsche.

Kurz vor der geplanten Auslieferung der ersten 10.000 Exemplare erhielt die Autorin Ende September einen unerfreulichen Brief: "Ihr letztes Werk ist kein französisches, ich habe dessen Druck verhindert", teilte Napoleons Polizeiminister Anne-Jean-Marie-René Savary darin mit und forderte Staël sogleich auf, "binnen drei Tagen Frankreich zu verlassen".

Ein schwerer Schlag für Staël. "Ich habe so sehr auf die Wirkung meines Buches gezählt, es sollte die Krönung meiner Arbeiten sein", schrieb sie an eine Bekannte. "Jetzt aber sind sechs Jahre Mühen, sechs Jahre Reisen und Studien vergebens gewesen."

Das wusste die Gedemütigte dann aber doch zu verhindern: Staël zog sich erst einmal wieder auf Schloss Coppet zurück, reiste dann heimlich über Wien, Moskau, St. Petersburg und Stockholm nach England und veröffentlichte "De l'Allemagne" schließlich 1813 von London aus. Binnen drei Tagen war die erste Auflage vergriffen, innerhalb weniger Wochen wurden in ganz Europa etwa 70.000 Exemplare verkauft. Ein Jahr später, nach dem Sturz Napoleons, kehrte Staël zurück nach Paris und veröffentlichte ihr Buch auch in Frankreich und Deutschland.

Die Reaktionen hätten unterschiedlicher kaum ausfallen können. Goethe bezeichnete das Buch zwar 1830 als "mächtiges Rüstzeug" gegen Vorurteile über Deutschland, die Kommentare seiner Landsleute fielen jedoch oft verächtlich aus. Dass Staël die Deutschen nicht nur zu musisch begabten Denkern stilisierte, sondern eben auch zu weltfremden Stubenhockern, kam nicht gut an. "Denn welches Volk", soll Schiller gesagt haben, "würde es sich gefallen lassen, seine größten Anstrengungen in Kunst und Philosophie, seine ausgezeichnetsten Männer und die Eigentümlichkeiten seines Charakters von unwissenden Fremdlingen so absprechend beurteilen zu lassen?"

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam später auch Heinrich Heine, der Staël als "Sturmwind in Weibskleidern" verspottete: "Die gute Dame sah bei uns nur, was sie sehen wollte: ein nebelhaftes Geisterland, wo die Menschen ohne Leiber, ganz Tugend, über Schneegefilde wandeln und sich nur von Moral und Metaphysik unterhalten!" Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein warfen Kritiker der Autorin vor, solche Missverständnisse über die deutsche Kultur in die Welt gesetzt zu haben.

In Frankreich hingegen setzte ein regelrechter Deutschland-Hype ein. Die Vorstellung vom schlichten und dennoch philosophisch höchst reflektierten Romantiker als Prototyp-Deutschen berauschte die Grande Nation. "Er hat fast das Gefühl eines Sohnes für dieses edle und heilige Vaterland aller Denker", schrieb der Schriftsteller Victor Hugo 1842 über sich selbst: "Wenn er nicht Franzose wär, möchte er Deutscher sein."

Nicht nur den Franzosen, auch Engländern und Russen kam es nach ihrer Lektüre des Buches so vor, als ob mitten in Europa eine neue Kulturnation entstanden wäre. Staël entfesselte eine Deutschland-Begeisterung, die bald außergewöhnliche Formen annahm: Die Werke Goethes und Schillers erschienen auf Französisch, deutsche Romantiker wie E. T. A. Hoffmann stiegen zu französischen Literaturstars auf, und Weimar entwickelte sich weltweit zum Inbegriff moderner Literatur und zum Pilgerort für Intellektuelle aus ganz Europa.

Kein anderer Text sollte die Wahrnehmung dieser Nation im Herzen Europas so nachhaltig prägen wie "De l'Allemagne", kein anderer Text steht aber auch so sehr für die Klischees: Jahrzehntelang galten Deutsche in weiten Teilen der Welt als unpolitische, zart besaitete Dichter und Denker, doch mit Ausbruch des Deutsch-Französischen Kriegs setzte 1870 urplötzlich eine Dämonisierung ein. Nun wandelten sich die Deutschen vor allem in den Augen vieler Franzosen zu kriegslüsternen Barbaren.

Germaine de Staël selbst erlebte die gewaltige Nachwirkung ihres Buchs nicht mehr. Vorzeitig gealtert und von einem Schlaganfall gezeichnet, starb die erst 51-Jährige am 14. Juli 1817 in Paris.