Globale Epidemie: Aids-Experten gestehen Versagen ein - DER SPIEGEL
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Globale Epidemie Aids-Experten gestehen Versagen ein

Die Lücke zwischen Forschung und Praxis ist so groß, dass Aids-Experten sich selbst als Versager bezeichnen: Mit einer Schelte der eigenen Gemeinschaft startete die weltgrößte Fachtagung in Sydney. Dabei lässt sich aus der Statistik auch Ermutigendes herauslesen.
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Sydney - Eine Standpauke eröffnete das größte Aids-Symposium der Welt. "Die Wissenschaft hat uns Mittel gegeben, um HIV zu verhindern und wirksam zu behandeln", sagte Pedro Cahn, der Präsident der International Aids Society (IAS). Es folgte eine Selbstbezichtigung: "Die Tatsache, dass wir dieses Wissen noch immer nicht in die Praxis umgesetzt haben, ist ein beschämendes Versagen seitens der internationalen Gemeinschaft." Mehr als 5000 Vertreter der so Kritisierten treffen sich zurzeit im australischen Sydney zur weltgrößten Konferenz über Krankheitsverlauf und Behandlung von Aids. Sie kommen aus 133 Staaten - und zeichnen ein Bild vom Stand der globalen Aids-Epidemie.

HIV-Test (Uganda): Vorsorge soll im Zentrum der Aids-Bekämpfung stehen. Dazu gehört auch zu wissen, ob man selbst infiziert ist

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Foto: Getty Images

Die zwei größten Probleme sind in den Augen der Aids-Experten, die Zahl der Neuinfektionen zu senken und die Zahl der behandelten Infizierten zu erhöhen. Für Letzteres gibt es kleine Erfolge zu vermelden.

  • Medikamente, welche die HI-Viren in Schach halten und Aids-Kranken über Jahre hinweg ein relativ normales Leben ermöglichen können, sind mittlerweile preiswerter.
  • Im Jahr 2001 kamen nur rund 240.000 HIV-Infizierte in den Genuss einer Behandlung, mittlerweile sind es einige Millionen - bei aktuell 40 Millionen HIV-Infizierten und Aids-Kranken weltweit.
  • Auch in den Entwicklungsländern hat sich der Zugang zu den lebenserhaltenden Medikamenten verbessert: Vor drei Jahren hatten nach Expertenangaben weniger als 300.000 Menschen in der Dritten Welt anti-retrovirale Medikamente erhalten, im vergangenen Jahr waren es 2,2 Millionen. Allein in Afrika südlich der Sahara bekamen im vergangenen Jahr 1,1 Millionen Aids-Kranke eine Therapie – zehn Mal mehr als noch drei Jahre zuvor.

Dennoch: Die Zahl der Neuinfektionen sticht diese Erfolge aus. "Für jede Person, die man in Therapie bringt, werden sechs neue Menschen angesteckt", sagte Anthony Fauci, Direktor des US-amerikanischen National Institute of Allergy and Infectious Diseases, in Sydney. "So verlieren wir dieses Zahlenspiel."

Aids-Epidemie breitet sich weiterhin rasant aus

Das Uno-Koordinierungsprogramm zur Bekämpfung von Aids (UNAIDS) konstatiert zudem in seinem jüngsten Statusbericht von Ende 2006: "In den letzten zwei Jahren stieg die Zahl der Menschen mit HIV in allen Regionen der Welt an." Tag für Tag kommen 11.000 Ansteckungen hinzu.

Die Epidemie greife in manchen Teilen der Welt nach wie vor rasend um sich, auch wenn sich in vielen Ländern die Situation verbessert habe, folgerte Brian Gazzard von der British HIV Association auf der Tagung in Australien. "Die HIV-Epidemie ist im Moment tatsächlich unkontrolliert - unkontrolliert in Afrika, völlig unkontrolliert in Asien."

Ein Beispiel lieferte Michel Sidibe, stellvertretender Geschäftsführer von UNAIDS: In Malawi hätten im vergangenen Jahr 45.000 Menschen eine Therapie begonnen - bei 75.000 wurde eine Neuinfektion diagnostiziert. Wenn man diese Entwicklung nicht stoppe, so Sidibe, dann werde die Behandlung von HIV und Aids nie finanziell erschwinglich.

Sidibe kritisierte zudem: Nicht einmal jeder Zehnte auf der gesamten Welt hat schon einmal einen Aids-Test gemacht und kenne seinen Status. Und nur jede zehnte schwangere Frau mit Aids bekomme Medikamente, die eine Übertragung des Virus auf das ungeborene Kind verhindern könnten. "Prävention sollte im Zentrum der Anstrengungen bleiben."

Neue Deklaration für mehr Forschungsgelder

Das forderte auch Fauci. "Obwohl wir große Fortschritte machen, Medikamente zugänglich zu machen, muss Prävention eindeutig auf sehr energische Art angegangen werden", sagte der US-Amerikaner, der mitten im Medizinstudium war, als in Kalifornien die ersten Menschen an Aids starben. Seitdem erforscht er die einst mysteriöse und nach wie vor gefürchtete Infektionskrankheit. Im vergangenen Jahre erinnerten Forscher an die Entdeckung des Virus vor einem Vierteljahrhundert.

"Weniger als ein Drittel derjenigen, die in Ländern mit niedrigem und mittleren Einkommen mit Aids leben, haben Zugang zu lebensrettenden Medikamenten. Und sogar noch weniger können wirksame Präventionsmittel wie Kondome und sterile Spritzen nutzen", sagte IAS-Präsident Cahn. "Es muss oberstes Ziel sein, dass die Möglichkeiten bis 2010 jedem offen stehen."

Wenn die IAS-Tagung am Mittwoch zu Ende geht, sollen alle der mehr als 5000 Teilnehmer aus 133 Ländern eine Deklaration unterschrieben haben: Das Papier soll Regierungen sowie bilaterale, multilaterale und private Spender auffordern, mindestens zehn Prozent der HIV-bezogenen Spenden für die Forschung bereitzustellen. Das würde die Einführung neuer Medikamente und Technologien beschleunigen, mit denen sich die Infektion verhüten, diagnostizieren und behandeln lässt.

Wer sich der Deklaration anschließt, setzt seine Unterschrift auch unter diesen Satz: "Wir glauben, dass wir ohne diese Finanzierung scheitern werden, eine nachhaltige und wirksame Antwort auf die Aids-Epidemie zu erhalten."

fba/AP/dpa/rtr

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