Haarausfall Mögliche Wurzel des Problems entdeckt
Viele Männer mittleren Alters müssen sich wohl oder übel damit abfinden, dass die Sonne ihnen ungeschützt auf den Kopf scheint. Aber auch andere Formen des Haarausfalls sind für Betroffene eine große Belastung - nicht nur äußerlich, sondern auch psychisch. Denn gegen Haarverlust gibt es bislang nur wenige Mittel, die ihn stoppen können, sofern dieser auf bestimmten genetischen Ursachen beruht. Eine US-Firma bietet für diese spezielle Form des Haarausfalls sogar einen Gentest an.
Deutsche Wissenschaftler wollen den Kahlschlag nun an der Wurzel packen. Ein internationales Team unter Leitung von Regina Betz an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn hat ein Gen identifiziert, das für eine seltene erbliche Form des Haarausfalls namens Hypotrichosis simplex verantwortlich ist. Dabei stießen die Wissenschaftler auf einen Rezeptor - eine Andockstelle für Botenstoffe -, der das Haarwachstum regulieren soll. Nun könnte es eine Möglichkeit geben, das Problem des Haarausfalls therapeutisch anzugehen, schreiben die Forscher im Fachjournal "Nature Genetics" .
Der Mensch verliert rund hundert Haare am Tag. Was in der Bürste erschreckend aussieht, ist allerdings ganz normal und nicht weiter schlimm, denn Haare werden ständig ersetzt. Fällt einem täglich allerdings mehr als so ein kleines Büschel vom Kopf, drohen Geheimratsecken, lichte Stellen oder eine Glatze. Ursache für die von den Bonner Forschern untersuchte Erbkrankheit ist ein seltener Gendefekt. Er sorgt dafür, dass bestimmte Andockstellen auf der Oberfläche von Zellen des Haarfollikels nicht mehr in der richtigen Form hergestellt werden.
Wenn Botenstoffe von außen an diese Rezeptoren binden, starten sie gewöhnlich im Zellinnern eine Signalkette, die offensichtlich zur normalen Funktion des Haarfollikels notwendig ist, in dem das Haar gebildet wird. Bisher war kein derartiger Rezeptor bekannt, der eine spezifische Rolle für das Haarwachstum spielt. Das ist ein wichtiger Ansatzpunkt für die Entwicklung neuer Medikamente gegen den Haarausfall.
Manchmal versteht man die Funktionsweise des Körpers besser, wenn man sich anguckt, was bei einer Krankheit falsch läuft. "Hypotrichosis simplex ist selten, kann aber entscheidend dazu beitragen, die Mechanismen des Haarwachstums zu verstehen", sagt Betz. Die Krankheit wird vererbt und trifft sowohl Männer als auch Frauen. Die Betroffenen beginnen in der Regel schon im Kindesalter, kahl zu werden. Der Kahlschlag auf dem Kopf schreitet dann mit den Jahren immer weiter fort.
Hoffnung für Glatzköpfe?
Die defekte Andockstelle gehört zu einer Klasse von sogenannten G-Protein-gekoppelten Rezeptoren. "Und diese eignen sich in besonderem Maße als Angriffspunkte für Medikamente", sagt Markus Nöthen, Professor für Genetische Medizin vom Life & Brain Zentrum der Universität Bonn.
Die Forscher konnten zudem den körpereigenen Botenstoff identifizieren, der im Haarfollikel an den Rezeptor bindet. Auch das bietet Chancen für die Entwicklung neuer Wirkstoffe. "Wir können jetzt gezielt nach verwandten Substanzen suchen, die sich bei der Therapie von Haarverlust einsetzen lassen", sagt Ivar von Kügelgen am Institut für Pharmakologie und Toxikologie in Bonn. Von diesen Medikamenten könnten dann auch Patienten profitieren, die unter ganz verschiedenen Formen von Haarausfall leiden, hoffen die Wissenschaftler.
nis/dpa