Hannah-Arendt-Institut: "Selbstherrliche Einmischung" - DER SPIEGEL
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Hannah-Arendt-Institut "Selbstherrliche Einmischung"

Der Streit im renommierten Hannah-Arendt-Institut nimmt kein Ende. Jetzt soll Direktor Klaus-Dietmar Henke seinen Hut nehmen, sein Vertrag wurde nicht verlängert. Kritiker sehen darin eine Einmischung der Politik in die Forschung.
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Dresden - Normalerweise macht ein Institut mit wissenschaftlicher Arbeit von sich reden. Das Dresdner Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung hätte da einiges vorzuweisen, momentan allerdings befindet es sich wegen Personalquerelen erneut in den Schlagzeilen. Da das Kuratorium vor kurzem den Vertrag mit dem Direktor Klaus-Dietmar Henke nicht verlängerte, regt sich in Fachkreisen nun Kritik an der sächsischen Personalpolitik im Wissenschaftsbereich.

"In anderen Bundesländern gibt es auch Institute, in deren Leitung die Politik hineinreden darf. Aber nirgends regieren die Politiker so selbstherrlich in die wissenschaftlichen Angelegenheiten ihrer Institute hinein wie in Sachsen", kommentierte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Das Kuratorium habe über den Verbleib des Institutsleiters entschieden, ohne das Votum des Beirates zu hören, lautet ein Kritikpunkt. Der mit Experten besetzte Beirat will erst im Oktober tagen.

Die sächsische SPD sieht die grundsätzliche Frage darin, wie im Lande mit der Geschichtsforschung umgegangen wird. Man müsse sich im Institut an den ursprünglichen Auftrag halten, der die Aufarbeitung beider totalitärer Systeme - Nationalsozialismus und Sozialismus in der DDR - vorsieht. Mit dem Weggang Henkes drohe das Institut in den Provinzialismus abzustürzen. Allgemein wurde moniert, dass die Entscheidung gegen Henke ohne Angabe von Gründen geschah.

Querelen um das Hannah-Arendt-Institut sind nichts Neues. Sie reichen bis in den Herbst 1999 zurück. Auslöser des Konflikts war damals ein Text des Institutsmitarbeiters Lothar Fritze über den Hitler-Attentäter Georg Elser. In einem in der "Frankfurter Rundschau" erschienenen Beitrag hatte Fritze eine moralische Rechtfertigung für das Münchner Attentat von 1939 bestritten. Der Anschlag scheiterte damals, acht Menschen starben.

In Historikerkreisen stieß die Meinung Fritzes auf Kritik. Henke hatte Fritze von einer Veröffentlichung abgeraten, Vizechef Uwe Backes gab dem Autor Rückendeckung. Der Beirat empfahl daraufhin die Entlassung Backes, was wiederum beim Kuratorium auf Ablehnung stieß. Als namhafte Historiker wie Saul Friedländer einen Rückzug aus dem Beirat erwogen, wurde in Dresden fieberhaft nach einer Lösung gesucht. Schließlich einigten sich die Beteiligten auf eine "stille Lösung". Dem Vernehmen nach forscht Backes derzeit in Frankreich.

Am 11. September begann eine neue Runde im Kampf um die Vorherrschaft im Institut. Vier der sieben Kuratoren votierten in geheimer Abstimmung gegen eine Verlängerung des bis Ende Januar 2002 datierten Vertrags für Henke, zwei stimmten für den Chef, einer enthielt sich der Stimme. Der Vorsitzende des Gremiums, der sächsische Kultusminister Matthias Rößler, sah darin eine demokratische Entscheidung, die es zu respektieren gelte. Nach dem Eindruck des CDU-Politikers fiel das Votum gegen Henke nicht wegen seiner wissenschaftlichen Leistung, sondern weil es im Institut Probleme im zwischenmenschlichen Umgang gab.

Henke bedauerte die Entscheidung und lässt derzeit noch offen, ob er seinen Vertrag bis zum Ende erfüllt. Den Zwist um das Institut möchte er derzeit nicht kommentieren. Das machen nun andere. "Der Beirat wird am 6. Oktober die Arbeit des Institutes bewerten. Dann verständigen wir uns auch darüber, ob wir weiter im Beirat bleiben", sagt der Leipziger Professor Christoph Kähler. Wie zu hören war, erwägen vier der sechs Beiratsmitglieder ihren Rücktritt. Damit würde das Institut ohne Zweifel an Renommee verlieren.

Darüber hinaus droht der Einrichtung auch finanzielles Ungemach. Nach Zeitungsberichten prüft die Dresdner Bank, ob sie als Konsequenz der Personalentscheidung einen Forschungsauftrag für das Dresdner Institut aufkündigt. Dabei soll die Geschichte der Bank in der Nazi-Zeit erforscht werden - ein Projekt, das auch international auf Interesse stößt. Mit einem Umfang von 500.000 Mark handelt es sich um das größte Drittmittelprojekt des Instituts. Das Vorhaben ist allerdings an die Person Henkes und fünf namhafte Historiker eines Projektbeirats gekoppelt. Der hatte gegen die Personalentscheidung am Institut bereits protestiert.

Jörg Schurig, dpa