Hautkrebs: Gentechnik bewaffnet Tumorbekämpfer - DER SPIEGEL
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Hautkrebs Gentechnik bewaffnet Tumorbekämpfer

Gegen Hautkrebs wird man sich wohl nie impfen lassen können. Die Zellen, die Tumore erkennen, ließen sich jedoch aufrüsten, haben Krebsforscher herausgefunden. Metastasen bildeten sich zurück, und zwei Patienten gelten anderthalb Jahre nach der Therapie als geheilt.
Von Franziska Badenschier
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nach Impfstoffen, die vor Krebserkrankungen schützen, suchen Forscher seit Jahren. Erfolg hatten sie jedoch nur bei einigen der Krebskrankheiten, bei denen Viren an der Entstehung der Tumoren beteiligt sind. So schützt heute beispielsweise eine Impfung gegen Hepatitis B-Viren vor Lebertumoren. Für andere, nicht durch Viren entstehende Krebsarten war bisher kein getesteter Impfstoff erfolgreich - weil die Tumorzellen die gleiche Erbsubstanz enthalten wie alle anderen Zellen des Körpers auch. Dadurch können bestimmte weiße Blutkörperchen, sogenannte T-Zellen oder T-Lymphocyten, Krebszellen nur schwer erkennen.

Nun hat der renommierte Tumorimmunologe Steven Rosenberg vom US-amerikanischen National Cancer Institute mit einem gentechnischen Kunstgriff eine Methode am Menschen ausprobiert - und Erfolg gehabt: 2 der 17 Patienten gelten anderthalb Jahre nach der Therapie als geheilt, berichtet ein Team um Rosenberg im Wissenschaftsmagazin "Science".

Gentechnik bewaffnet Zellen für Tumor-Erkennung

"Wir können den Patienten normale Lymphocyten entnehmen und sie in Zellen umwandeln, die auf Tumorzellen reagieren", sagt Rosenberg. Er und seine Kollegen hatten für ihre Versuche 17 Patienten mit Schwarzem Hautkrebs eben jene T-Zellen isoliert. In diese wurden dann Gene eingeschleust, die den Bauplan für einen bestimmten Rezeptor auf der Lymphocyten-Oberfläche enthalten.

Die Rezeptor-Moleküle erkennen Krebszellen und können so das Immunsystem aktivieren, gegen die bösen Zellen der Tumore vorzugehen. Dazu müssten den Patienten die "bewaffneten Zellen", wie Rosenberg die genmanipulierten Lymphocyten nennt, gespritzt werden.

Zwei Monate nach der Infusion machten bei 15 der 17 Patienten die Gentech-Lymphocyten zumindest zehn Prozent aller weißen Blutkörperchen aus, berichten die Forscher. Bei den zwei anderen Krebskranken hingegen sei der Anteil der manipulierten T-Zellen höher; bei ihnen seien die Metastasen sogar so sehr geschrumpft, dass sich die Reste herausoperieren ließen.

"Therapeutisches Potential"

Selbst nach einem Jahr noch zirkulierten im Blut der beiden Patienten genmanipulierte Zellen. 18 Monate nach der Behandlung galt ein Patient als klinisch gesund, der andere Krebskranke 19 Monate nach der Therapie. "Genetisch manipulierte Zellen haben für eine biologische Krebstherapie therapeutisches Potential", folgern die Forscher.

Sind aber 2 von 17 Patienten nicht zu wenig, um von einem Therapieerfolg zu sprechen? "Es ist das erste Mal, dass diese Methode beim Menschen ausprobiert wird; bisher hat man das nur in Gewebekulturen und an Mäusen getestet. Da ist es schon ein Erfolg, dass immerhin überhaupt zwei Patienten als geheilt erscheinen", meint Günter Hämmerling vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ). Eine Spontanheilung sei auch äußerst unwahrscheinlich, zitiert der Tumorimmunologe einen DKFZ-Kollegen. Man könne jedoch nicht ausschließen, dass doch noch die eine oder andere Tumorzelle überlebt hat und sich im Körper versteckt - und irgendwann der Krebs erneut ausbricht.

"Es war an der Zeit, diesen gentechnischen Kunstgriff am Menschen ausprobieren", sagt Hämmerling. Bisher hätte man jene Lymphocyten isoliert, die Tumorzellen erkennen - was nur ganz wenige tun. Diese Tumor-reaktiven Zellen würden dann so lange herangezüchtet, bis man zehn Milliarden davon hatte und sie dem Patienten wieder spritzen konnte. "Dieses Verfahren funktioniert zwar ganz gut, denn bei etwa jedem zweiten Patienten bilden sich Tumore zurück, aber es ist unglaublich aufwendig", so Hämmerling zu SPIEGEL ONLINE.

Tumor-Erkenner sollten weiter aufgerüstet werden

Dass ausgerechnet Steven Rosenberg den Kunstgriff, mit Hilfe der Gentechnik genügend viele Lymphocyten mit dem Rezeptor auszustatten, erstmals am Menschen getestet hat, wundert Hämmerling nicht. Rosenberg gelte als Vorreiter, wenn es darum geht, neue methodische Ansätze am Menschen auszuprobieren.

Dabei hätten auch in Deutschland Krebsforscher Rosenbergs Studie durchführen können. "Seit drei Jahren sind wir in der Lage, die Therapie mit den T-Zell-Rezeptoren am Menschen zu testen. Wir behaupten sogar, die besseren Rezeptoren zu haben", sagt Christoph Huber von der Universität Mainz. "Für die Finanzierung der klinischen Studien haben wir aber trotz intensiver Anstrengungen nicht genug Geld zusammen bekommen." Das National Cancer Institute , an dem Rosenberg forscht, gehört zu den US-amerikanischen National Institutes of Health und werde deswegen über Regierungsprogramme gefördert, so Huber zu SPIEGEL ONLINE.

Die Methodik müsse aber noch verbessert werden, berichten Rosenberg und sein Team selbstkritisch. "Man sollte die normalen T-Zellen auf jeden Fall mit verschiedenen Krebs erkennenden Rezeptoren aufrüsten", merkt DKFZ-Forscher Hämmerling an. Manche Krebszellen könnten jene Moleküle, die die Lymphocyten-Rezeptoren entdecken sollen, verstecken – dann ließen sich die Tumorzellen natürlich nicht finden, erklärt Hämmerling.