Highspeed-Evolution HI-Virus entkommt durch schnelle Mutation
Paris - In rund 33 Millionen Menschen haben sich die HI-Viren schon eingenistet. Sobald sie sich Zugang zum menschlichen Körper verschafft haben, sind sie nicht mehr zu besiegen. Nach durchschnittlich zehn Jahren entwickelt ein HIV-Infizierter die Immunschwächekrankheit Aids - trotz aller Abwehrstrategien des Immunsystems. Forscher von der britischen Universität Oxford haben jetzt an unterschiedlichen HI-Viren untersucht, mit welchen Mechanismen sie der natürlichen Immunabwehr des Menschen entkommen. Über ihre Ergebnisse berichten sie in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Nature".
Die Viren mutieren demnach extrem schnell und kommen so genetischen Veränderungen des Menschen zuvor, die zu einem natürlichen Schutzschild gegen den tödlichen Erreger werden könnten. "Das Ausmaß der globalen HIV-Epidemie gibt uns die einmalige Möglichkeit, den evolutionären Kampf zwischen einem wichtigen Virus und dem Menschen zu untersuchen", sagte Studienleiter Philip Goulder. Die Viren machten eine "Hochgeschwindigkeits-Evolution innerhalb weniger Jahrzehnte" durch, so Goulder: "Sogar in der kurzen Zeit, die HIV erst beim Menschen vorkommt, weicht es unseren Mechanismen der natürlichen Immunkontrolle immer wieder effektiv aus."
Die Forscher untersuchten die Erbinformationen und Virusstränge von 2800 HIV-Infizierten aus Nordamerika, der Karibik, Europa, Afrika, Australien und Japan. Sie konzentrierten sich dabei vor allem auf die Gene, die für den Aufbau der sogenannten menschlichen Leukozyten-Antigene (HLA-Gene) zuständig sind. Diese Gene kontrollieren bestimmte Proteine, die innerhalb des Immunsystems quasi eine Alarmfunktion haben. Sie melden Eindringlinge wie etwa Viren an T-Zellen. Die T-Zellen, wichtiger Teil der menschlichen Immunabwehr, spüren das Virus auf und vernichten es.
Seit das HI-Virus vor mehr als 25 Jahren bei Menschen als Aidserreger identifiziert wurde, fiel auf, dass die Krankheit bei einigen Infizierten schneller, bei anderen langsamer ausbricht. Dies führen Experten auf genetische Merkmale zurück: Nur ein kleiner Unterschied im Erbmaterial - das Vorhandensein einer günstigeren Variante eines HLA-Gens - kann demnach dazu führen, dass der Ausbruch der Krankheit länger hinausgezögert werden kann.
HLA-B 51 etwa ist nach Angaben der Universität Oxford eines der erfolgreichsten HLA-Gene, die HIV kontrollieren. Doch die Viren sind dem menschlichen Abwehrmechanismus mit Gegenwehr voraus: Sie entwickeln eine spezielle Mutation und können so schon kurz nach der Infektion vor der Immunantwort des menschlichen Körpers entkommen. Diese von den Wissenschaftlern als "Flucht-Mutation" bezeichnete Veränderung kann dann von einem auf andere Viren übergehen.
"Rund 96 Prozent der HIV-positiven Menschen mit dem HLA-B-51-Gen haben die "Flucht-Mutation", heißt es in einer Pressemitteilung der Universität Oxford. "In Japan, wo das HLA-B 51-Gen relativ häufig vorkommen, tritt die 'Flucht-Mutation' sogar bei 66 Prozent der HIV-Positiven auf, die kein HLA-B 51 haben." In Großbritannien und Afrika, wo die HLA-Variante deutlich seltener vorkomme, falle auch die Zahl Träger der speziellen Mutation auf zwischen 15 und 25 Prozent.
"Man könnte die Ergebnisse als schlechte Nachricht auffassen, dass das Virus den Kampf gewinnt", sagte Goulder. "Aber das ist nicht unbedingt der Fall. Es könnte auch sein, dass andere Immunantworten zum Zug kommen, sobald sich das Virus verändert, die sogar effektiver sein könnten."