Hightech-Scan: Physiker retten Schellack-Aufnahmen - DER SPIEGEL
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Hightech-Scan Physiker retten Schellack-Aufnahmen

Ein Verfahren zum Nachweis von Bosonen eignet sich auch zur Wiedergabe uralter Tonaufnahmen. Die zerbrechlichen Wachszylinder oder Schellack-Platten werden optisch abgetastet. Den Ton erzeugt ein Computer - ganz ohne Kratzer. Archivare sind begeistert.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Normalerweise sind die Wissenschaftler am Lawrence Berkeley National Laboratory  in Kalifornien Quarks auf der Spur - den kleinsten Grundbausteinen der Materie. Mit ihrer hochsensiblen Messtechnik bringen die Physiker nun aber auch zerbrechliche Schellack-Platten zum Klingen.

Das berührungslose Abtastverfahren ermöglicht digitale Kopien alter Tonaufnahmen, ohne die empfindlichen Platten zu beschädigen, denn es kommt ohne die sonst übliche Tonabnehmernadel aus.

"Wir haben einen Weg zur Darstellung der Schallplattenrillen entwickelt, der ähnlich arbeitet wie ein Teilchendetektor", erzählt der Physiker Carl Haber. Haber und sein Kollege Vitaliy Fadeyev glauben, dass mit ihrer Technik Tausende alte Blues-, Jazz- und Dixieland-Aufnahmen digitalisiert werden könnten, die in der Washingtoner Kongressbibliothek lagern.

Um die Rillen in der Schallplatte zu erfassen, nutzt das Verfahren einen Lichtsensor, der ursprünglich entwickelt wurde, um die Spuren von so genannten Bosonen aufzuzeichnen. Ein Computer rekonstruiert aus diesen Bildern wiederum den eigentlichen Ton, wobei Hintergrundgeräusche und sogar Kratzer eliminiert werden.

Das Ergebnis, eine digitale Reproduktion einer mechanischen Aufnahme, kann sich hören lassen. Die Forscher haben zwei Songs auf ihre Website gestellt, um die Möglichkeiten ihres Verfahrens zu demonstrieren. In der optisch-digitalen Version kratzt und knistert es praktisch überhaupt nicht mehr.

Beispielaufnahmen im Wav-Format

Die optische Wiedergabe hat noch einen weiteren Vorteil: "Sie hat das Potenzial, zerbrochene Platten digital wieder zusammenzufügen", erklärt Fadeyev. Sie eignet sich nicht nur für Schellack und Vinyl, sondern auch für Wachszylinder.

Museen und Bibliotheken zeigten sich begeistert. "Das eröffnet eine Menge Möglichkeiten", sagte Mark Roosa gegenüber dem Newsdienst "Nature Science Update". Er leitet die Konservierungsabteilung der US-Kongressbibliothek. "Dieses System wird uns helfen, ein Stück Vergangenheit wieder auferstehen zu lassen. Das ist ein Stück weit Archäologie."

Auch in London weckte das Verfahren Interesse. "Benutzer könnten in einem Katalog am Computer stöbern, Kopfhörer aufsetzen und MP3s anhören", sagte Nigel Bewley, Archivar der British Library. Dort lagern nach seinen Angaben eine Million Schallplatten und 10.000 Wachszylinder. Die Bibliothek verfügt zwar über ein ganzes Arsenal an Abspielgeräten, viele Platten sind jedoch zu zerbrechlich, um sie wiederzugeben. "Das Scannen ist die einzige Methode, um sie zu retten."