Hirnforschung Leben ohne Lieder
Sie haben niemals ein Lied auf den Lippen, kennen keine Ohrwürmer, summen kein Lieblingslied. Menschen mit einer sogenannten Melodientaubheit können harmonische Tonfolgen nicht erkennen. Falsche Töne nehmen sie aber dennoch wahr, wie Wissenschaftler um Allen Braun vom National Institute on Deafness and Other Communication Disorders (NIDCD) im Fachjournal-Journal "PLoS One " (Online-Vorabveröffentlichung) jetzt berichten.
Bei der Melodientaubheit handelt es sich um eine sensorische Störung, bei der Melodien nicht richtig verarbeitet werden können. Normalerweise sorgt ein bestimmter Mechanismus dafür, dass verschiedene Hirnregionen nacheinander aktiviert werden. Dadurch entsteht ein Klangbild, das man wahrnehmen und positiv oder negativ beurteilen kann. Menschen mit Melodientaubheit hingegen sind nicht fähig, Musik auf diese Weise zu genießen.
Braun und seine Kollegen haben nun aber herausgefunden, dass Melodientaube zwar keine falschen Töne bei einer Melodie bewusst erkennen, ihr Gehirn sie aber durchaus wahrnimmt. Die Forscher haben Probanden 100 ähnliche Melodien vorgespielt, von denen die Hälfte am Ende einen falschen Ton enthielt. Gleichzeitig bestimmten sie die Hirnaktivität der Teilnehmer mit der Elektroenzephalografie (EEG).
In den Daten suchten die Wissenschaftler anschließend nach der Reaktion des Gehirns auf die falschen Noten. Dabei standen zwei Signale im Mittelpunkt, die das Denkorgan normalerweise erzeugt, wenn es mit einem Reiz konfrontiert wird, den es nicht erwartet. Eines der Signale entstehe in der Nähe des Auditiven Cortex, dem Hörzentrum in der Hirnrinde, erklären die Wissenschaftler die Beobachtung. Dort finde die Verarbeitung und das Bewusstwerden von akustischen Reizen statt. Das zweite Signal entstehe dagegen im Frontallappen des Großhirns, der sich im Stirnbereich befindet.
Bei Menschen mit funktionierender Wahrnehmung von Melodien erhält der Frontallappen Signale, die bereits im Hörzentrum verarbeitet wurden - hier sind also beide Signale intakt. Bei Personen mit Melodientaubheit ist dieser Weg hingegen gestört. Informationen über falsche Noten werden bei ihnen nicht in der Hörrinde verarbeitet.
Dennoch wurden die Forscher von einer Hirnaktivität bei den Melodientauben überrascht: Im Frontallappen konnten sie als Reaktion auf falsche Töne Spannungsänderungen im Frontallappen ableiten. Das bedeute, dass die melodientauben Probanden falsche Töne wahrnehmen, sich dessen aber nicht bewusst sind. Von der Erforschung dieses Phänomens erhoffen sich die Forscher, Aufschluss auch über andere geistige Funktionen zu bekommen.
hei/ddp