Hochhäuser Das Ende des Himmelssturms?
Sie wollen immer höher hinaus: Mitunter erinnern die Planer von Wolkenkratzern an Kleinkinder im Bastelzimmer. Unaufhörlich wird darum konkurriert, mit den Bauklötzen den höchsten Turm zu errichten. Eifrig wird die Konstruktion verfeinert und noch ein Steinchen oben drauf gesetzt. Bis der Turm zusammenbricht. Oder die Lust nachlässt. Oder beides.
Auch der internationalen Architektenszene könnte - ob der schrecklichen Bilder des kollabierten World Trade Centers - die Lust an neuen Türmen, an überdimensionalen Palästen vergehen. Dass es so kommen wird, dass eine neue Bauweise in den Städten Einzug halten wird, halten Experten allerdings für eher unwahrscheinlich.
Gewiss: Die Diskussion um die Sicherheit von Wolkenkratzern wird neu entfachen, zumindest einige Monate lang. Bauherren werden noch größere Opposition verspüren als jetzt bereits; zu den Architekturkritikern, die sich um Stadtbild und Außenwirkung sorgen, werden sich verängstigte Anwohner gesellen - vielleicht auch potenzielle Mieter. Langfristig werden die Nachbeben der New Yorker Katastrophe aber, so Kenner der Materie, gering sein.
Die Gründe sind vielfältig: Zum einen fehlt im Herzen von Metropolen - heißen sie nun Manhattan oder Frankfurt am Main - mittlerweile der Platz. Viele große Firmen drängen nach wie vor ins Zentrum. Nicht nur Firmen: Der Trend geht zur luxuriösen Wohnung am Puls der Stadt. In New York geben gut Betuchte Millionen für eine paar Räume in den wohnlichen Wolkenkratzern aus. Allen voran dominiert Immobilienkönig Donald Trump die Szenerie. Der Trump World Tower in Manhattan gilt mit 258 Metern als das höchste Wohngebäude der Welt. Und als das teuerste.
Auch in Deutschland schreitet die Entwicklung zur Wohnung in den Wolken voran. So können in Frankfurt und Berlin mittlerweile Besserverdiener ihre Wohnphantasien in zentralen Neubauten ausleben - für astronomische Quadratmeterpreise von rund 10.000 Mark. Ein 24-Stunden-Rundum-Service durch den "Doorman" ist im Preis eingeschlossen. Das ist bequem, das ist hip, das bietet tolle Ausblicke, das wird sich auch nach dem Angriff auf die USA nicht ändern. Denn die Alternativen in den Innenstädten sind rar: Dass die Menschheit - auf dem Weg zurück zu den Anfängen - Löcher ins Erdreich gräbt und Wohnungen sowie Büros tief im Boden versenkt, erscheint zumindest in nächster Zukunft unwahrscheinlich.
Überhaupt: In einer Zeit, in der Deutschland gerade die Wolkenkratzer, ihre Faszination und ihre Höhenlust entdecken, wird kaum eine Kehrtwende vollzogen - so tief kann das Technikvertrauen der eher fortschrittsgläubigen Bundesrepublik gar nicht erschüttert sein. Außerdem sind eine Vielzahl von Projekten bereits fest geplant: So soll sich schon bald auf einer Anhöhe im Norden Stuttgarts ein Trump Tower 200 Meter in die Höhe erstrecken. Ausgerechnet diesen Freitag wollten die Verantwortlichen endgültig entscheiden, wie das schwäbische Ungetüm aussehen soll.
München, ebenso wie die Landeshauptstadt Baden-Württembergs bislang weitgehend von Wolkenkratzern verschont, muss sich ebenfalls auf eine neue Skyline vorbereiten. Gleich sieben Projekte, das größte mit angeblich 212 Metern Höhe konzipiert, sollen zukünftig die Marienkirche in den Schatten stellen. Und in der Bundeshauptstadt tut sich ebenfalls einiges: Allein rund um den Alexanderplatz könnten bald acht Hochhäuser entstehen.
In anderen Staaten ist die unerschütterliche Faszination für die Höhe, für das technisch Machbare viel weiter fortgeschritten. Die Vorhaben klingen illusorisch: 600 Meter in Chicago, 800 Meter in Tokio, 1100 Meter in Schanghai. Wie lang für ein derartiges Projekt gebaut werden müsste, wie viel Geld Investoren in den Bau pumpen müssten, wird bei derartigen Ankündigungen gern übersehen. Sie sind gut fürs Image, bringen Schlagzeilen und steigern - schon als Ankündigung - das Image einer Stadt. Die Symbolkraft ist immens.
Genau hier liegt aber auch die größte Verwundbarkeit. "Der New Yorker Angriff ging nicht gegen Hochhäuser", sagt der renommierte Berliner Architekturhistoriker Bruno Flierl im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Er richtet sich gegen Symbole der Macht." Flierl, der im vergangenen Jahr das von der Kritik hochgelobte Buch "Hundert Jahre Hochhäuser" herausgegeben hat, ist daher überzeugt, dass die Zukunft der Wolkenkratzer vor diesem Hintergrund nicht gefährdet ist.
Hochhäuser seien zwar sensibler als andere Gebäude, wer es aber darauf anlege, könne alles zum Umfallen bringen. Die Attacken in Amerika hätten gezeigt, dass auch ausgedehnte Gebäude wie das Pentagon - wenn ihre Symbolkraft stimmt - teilweise zum Einsturz gebracht werden könnten.
In einem Punkt wird aber auch der Architekturkritiker, der sich schon lange mit Hochhäusern, ihrer Symbolkraft, ihren ökonomischen und sozialen Folgen beschäftigt, fast sprachlos. Auf die Frage, ob er jemals mit einem derartigen Angriff auf ein Hochhaus gerechnet habe, antwortet Flierl mit einem knappen "Nein".