Hochschulen: Turbulente Praxis - DER SPIEGEL
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Hochschulen Turbulente Praxis

Mitten in der Krise haben die deutschen Unis die New Economy entdeckt. Bei den Studenten sind die neuen Lehrstühle beliebt. Aber taugen sie auch was?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

So also sieht ein Glücksfall aus: Halbglatze, etwas blass, mit runden Brillengläsern. Professor Bernd Skiera, 34, ist für manchen Frankfurter BWL-Studenten ein Held, seit er im April 1999 ein neues Fach erfunden hat.

E-Commerce heißt es, und statt alter oder toter Theoretiker kommen hier die Pop-Stars der Gegenwart zu Wort: Stefan Glänzer von Ricardo.de erzählt von wilden Start-up-Abenteuern, Oliver Samwer (EBay Deutschland, Jamba) hält ein flammendes Plädoyer für "The Next Big Thing", den Mobile Commerce.

Mit ein paar Jahren Verspätung haben die deutschen Unis das Internet entdeckt, immer mehr bieten die Modefächer mit dem großen "E" an, meist im Rahmen der BWL-Ausbildung.

Frankfurt machte mit dem Lehrstuhl für E-Commerce den Anfang, die Uni Augsburg folgte in diesem Wintersemester mit einem dreisemestrigen Aufbaustudiengang. An der privaten Wissenschaftlichen Hochschule für Unternehmensführung Koblenz (WHU) gibt es seit Januar einen Lehrstuhl für E-Business. Und die Hochschule der Künste Berlin (HdK) richtete einen Hauptstudiengang "Diplom-Designer/-in E-Business" ein. Dazu kommen rund ein Dutzend Lehrstühle für Existenzgründung, der erste davon 1998 an der privaten European Business School.

Pech ist allerdings, dass die Studiengänge ausgerechnet in der größten Krise der New Economy eröffnet werden. Der Slogan "Internet macht sexy", mit dem die HdK Bewerber lockt, wirkt fast schon anachronistisch ­ so herrlich naiv wie die Anfangszeiten des Internet.

Dabei sollen hier die verantwortungsbewussten Manager der "One Economy", wie die Verbindung aus alter und neuer Wirtschaft genannt wird, herangezüchtet werden. Eine anständige Ausbildung soll die nächste E-Generation vor den Fehlern ihrer Vorgänger bewahren. "Viele der Firmenpleiten sind ja auch darauf zurückzuführen, dass die Leute inkompetent waren", sagt Marcus Kühl, Sprecher des Berliner Studiengangs.

Aber lag es wirklich nur daran? Und halten die neuen Angebote, was sie versprechen?

Bettina Maisch, 29, angehende "Diplomdesignerin E-Business", glaubt fest daran. Am Montag arbeitet sie im Fach Mediengestaltung an einem interaktiven Multimediaprojekt, dienstags geht sie zur Vorlesung über "Personalführung", mittwochs gibt es eine klassische BWL-Übung. Am Donnerstag studiert sie Business-to-Consumer-Portale, und am Freitag schiebt sie dann noch eine kleine Informatikübung zu JavaScript ein.

Fünf Kernfächer, so verschieden wie BWL, Informatik und Design, in einem Studiengang ­ macht das Sinn? "Klar", sagt Maisch. Vehement verteidigt sie das Konzept: Was den Unternehmen fehle, seien Allroundchefs, die sowohl mit IT-Leuten als auch mit Finanzexperten reden können. "Schnittstellenkompetenz" nennt sie das.

Der wirkliche Marktwert der E-Manager wird sich erst zeigen, wenn sie die Uni verlassen haben. Aber da der Bedarf jenseits aller Phantasie liegt, dürften die paar Dutzend Absolventen einen Job bereits in der Tasche haben.

Das größte Problem der E-Fächer ist ein anderes: Es hapert am Lehrmaterial ­ und am theoretischen Rüstzeug. Zwar bietet die turbulente Wirklichkeit eine Fülle von Fallbeispielen, vor allem, wie man es nicht macht, aber das war's dann auch schon. "Ich stellte sehr schnell fest: Hoppla, du bist in einem Fach gelandet, wo's keine Bücher gibt und keiner weiß, wo's langgeht", erinnert sich Skiera.

Mit dem von ihm selbst geschriebenen Handbuch "E-Commerce" und ein paar amerikanischen Lehrbüchern ließ sich noch keine Vorlesung bestreiten. Der Professor behalf sich damit, Gastredner einzuladen, Gründer von Internet-Firmen, die aus der Praxis erzählen: Realität pur, mit ein bisschen Diskussion im Anschluss.

Die Notlösung stellte sich im Nachhinein als "gelungener Schachzug" heraus, sagt Skiera. Allerdings setzt er sich damit auch dem Auf und Ab der New Economy aus. Bestes Beispiel: Als er Loretta Würtenberger im Sommer zum Vortrag einlud, war sie noch strahlende Chefin ihres Start-ups Webmiles. Als sie dann kurz vor Weihnachten im Hörsaal stand, war sie ihren Job bereits los. Bertelsmann hatte in der Zwischenzeit den angeschlagenen Dot.com aufgekauft.

Die gebannten Zuhörer stört das nicht, im Gegenteil. Sie haben das Gefühl: Hier wird Zeitgeschichte geschrieben, und sie sind live dabei.

Natürlich muss eine solche Revolution an deutschen Universitäten auf Kritik stoßen: Für einige Kollegen aus der allgemeinen Betriebswirtschaftslehre ist das entschieden zu viel der Praxis. Das sei doch gar keine Wissenschaft, was der Skiera da mache, sagen sie ihren Studenten.

Die hingegen sind der Meinung, dass sie dort am meisten für ihr Berufsleben lernen. "In den anderen Fächern bekommt man nur einen begrenzten Einblick. Hier lernst du breit gefächerte Prozesse kennen", sagt Christof Apel, 27, Student im zehnten Semester.

Symbol des Praxisdrangs ist der "Unibator", eine von Skiera initiierte Brutstätte für Start-ups, die ausgerechnet im Hort der Studentenbewegung, dem "Turm", angesiedelt ist. Zwei Gründerteams sind bereits in die drei ehemaligen Seminarräume der Psychologen und Soziologen eingezogen. Bis zur Eröffnungsfeier Mitte Februar haben sie noch alle Hände voll damit zu tun, die Wände von Graffiti und Plakaten der "Radikalen Liste" zu säubern.

Die E-Fächer haben den Horizont vieler BWL-Studenten um eine wesentliche Alternative erweitert: Das Abenteuer Selbständigkeit drängt sich nun förmlich auf.

Peter Witt, seit Mai 2000 Professor für "Entrepreneurship" an der WHU Koblenz, unterstützt diesen Trend nach Kräften. In seiner Vorlesung "Grundlagen des Unternehmertums" hört er nicht auf zu provozieren: "Was haben Sie denn zu verlieren? Ein, zwei Jahre, mehr nicht. Wenn Sie dann Pleite gehen, können Sie immer noch zu McKinsey."

Witts Lehrstuhl ist die Antwort auf das Gründungsfieber, das 1999 an der WHU grassierte. Die Auktionsseite Alando, heute EBay Deutschland, von Absolvent Samwer war der Startschuss, danach gab es kein Halten mehr. "Jeder wollte krampfhaft sein eigenes Start-up gründen", erinnert sich Christina Müller, 23, achtes Semester. Insgesamt 24 Unternehmen sind entstanden, fast alle im Internet-Sektor.

Die Euphorie hat sich inzwischen gelegt, die Stimmung ist gedämpft: Die meisten wollen erst Erfahrungen in einer größeren Firma sammeln. Irgendwann aber, sagt Müller, "will jeder hier mal Unternehmer sein".

Natürlich genügt es den Universitäten nicht, die Internet-Gründer von morgen auszubilden. Die Professoren wollen vor allem das wissenschaftliche Niemandsland New Economy vermessen.

Und weil es so viel zu erforschen gibt, bauen die Unis unverdrossen aus: ein Lehrstuhl für M-Commerce in Frankfurt, einer für E-Commerce in Jena und eventuell einer für Neue Medien in Koblenz.

Nur eines könnte dem E-Spuk laut Skiera sehr bald ein Ende setzen: "Wenn man in fünf Jahren alles weiß, was man mit dem Internet machen kann, dann ist der Lehrstuhl E-Commerce überflüssig. Aber das glaube ich nicht."

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