Hyperhidrose Eine Million Menschen schwitzen krankhaft
Schon der bloße Händedruck kann für manche Menschen zur Tortur werden. "Hyperhidrose" nennen Mediziner das übermäßige Schwitzen, das Betroffenen oft äußerst peinlich ist. "Das Thema war über Jahrzehnte bei Medizinern eine graue Kongressmaus", sagt der Hautarzt Reinhard Karl Achenbach aus Herford/Westfalen, der nun ein Buch darüber veröffentlicht hat. Dabei leiden nach Schätzungen in Deutschland rund eine Millionen Menschen unter den Schweißströmen.
"Seine Hände schwitzen so stark, dass alles, was er anfasst, nass wird" - ein typischer Fall, den Achenbach vorstellt. "Die Patienten trauen sich nicht mehr aus dem Haus", sagt er. Er kennt drastische Fälle: Die Sekretärin, die krankhaft viel schwitzte, deswegen frische Blusen in der Schublade hortete und sich jedes Mal umzog, wenn sie zum Chef musste. Oder jenen Studenten, der sich bei der Prüfung ein Tuch auf den Stuhl legen musste. Eine Frau habe ihm sogar berichtet, dass sie ohne die ständigen Schweißströme einen anderen Mann geheiratet hätte, erzählt Achenbach.
Die Grenzen zwischen normalem und krankhaftem Schwitzen sind nicht klar abzustecken. Schließlich ist der Schweiß, der zu 99 Prozent aus Wasser besteht, für die Wärmeregulation lebensnotwendig oder kann Zeichen einer Krankheit sein. Was hinter einer allein auftretenden Überfunktion der Schweißdrüsen steckt (idiopathischer Hyperhidrose), ist oft nicht genau bekannt. Häufig tritt sie lokal an Armen, Händen und Füßen auf - meist verbunden mit unangenehmen Geruch.
Eine erbliche Komponente kann dabei ebenso wie die Psyche eine Rolle spielen. "Die Schwitzattacken werden durch emotionale Ereignisse ausgelöst, und seien sie noch so unbedeutend", schreibt Elke Wolf in der "Pharmazeutischen Zeitung". Ein Teufelskreis: "Stress verursacht Schwitzen, und Schwitzen wiederum Stress." Zu dieser Belastung und körperlichen Folgen (zum Beispiel Ekzeme, Pilzbefall) kommen auch handfeste Probleme bei der Arbeit. Für einen Elektriker könnten feuchte Hände lebensgefährlich sein, sagt Achenbach.
Bei schwachen Formen von Hyperhidrose greifen viele von sich aus zu den richtigen Maßnahmen: zum Beispiel tägliches Duschen, Achselhaare rasieren, Kleidung aus Naturfassern oder Deoseifen und Deodorants. Bei leichter bis mäßiger Hyperhidrose können Antitranspirantien helfen, die die Schweißproduktion hemmen. Auch für schwere Fälle gibt es nach Auskunft von Achenbach Mittel - etwa Botulinumtoxin, das in die Haut gespritzt wird. Es ist allerdings noch nicht zugelassen.
Eine Standardtherapie bei starkem Hand- oder Fußschweiß ist die Leitungswasser-Iontophorese. Bei dieser Behandlung mit Wasserbädern und leichtem Strom wird die Schweißabsonderung gebremst, ohne dass die Drüsen geschädigt werden. Selten und nicht unumstritten sind operative Eingriffe - von der Entfernung von Schweißdrüsen bis hin zum Durchtrennen von "Schweißnerven" im Brust- oder Bauchraum. Bei einer der modernen Operationsmethoden (der endoskopischen transthorakalen Symphathektomie, kurz ETS) tritt ausgerechnet das Schwitzen an anderen Körperteilen als Nebenwirkung auf. Seit Herbst 1999 gibt es außerdem eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Hyperhidrose in Berlin.
Caroline Bock