Kekulés Kolumne Geschenkter Gaul
Der stärkste Antrieb der Wissenschaft ist wahrscheinlich die Überzeugung der Forscher, der guten Sache zu dienen. Zwei besonders überzeugte Wissenschaftler haben Ende voriger Woche ein Geschenk übergeben, das einer besonders guten Sache dienen soll: der Bekämpfung der Not in der Dritten Welt.
Die beiden deutschen Pflanzenforscher Ingo Potrykus, der bis vor kurzem an der ETH Zürich lehrte, und Peter Beyer von der Universität Freiburg überreichten ihren gentechnisch hergestellten "Goldenen Reis" feierlich an das Internationale Reisforschungsinstitut der Philippinen, stellvertretend für alle notleidenden Entwicklungsländer der Erde.
Die Reispflanze mit dem goldgelben Korn, Frucht von acht Jahren Forschungsarbeit, enthält Beta-Karotin, das im menschlichen Körper zu Vitamin A umgewandelt wird. Durch den gentechnisch eingebauten Karotten-Farbstoff soll die nachwachsende Vitaminpille den schätzungsweise 124 Millionen Kindern helfen, die weltweit an Vitamin-A-Mangel leiden. Durch schlechte Ernährung erblinden Jahr für Jahr etwa eine halbe Million Kinder, mehr als eine Million sterben an den Folgen des geschwächten Immunsystems.
Damit der Goldene Reis denjenigen zugute kommt, die ihn am dringendsten benötigen, haben Potrykus und Beyer einen einmaligen Deal mit der Agro-Industrie ausgehandelt. Bereits im vergangenen Mai übertrugen sie die exklusiven Vermarktungsrechte an AstraZeneca, deren Agro-Division inzwischen zum weltweit größten grünen Gentechnik-Konzern Syngenta gehört.
Wichtigste Bedingung: Bauern in den Entwicklungsländern bekommen das Hightech-Saatgut umsonst, sofern sie damit nicht über 10.000 Dollar im Jahr verdienen - eine Grenze, die weit über dem üblichen Jahreseinkommen in den betroffenen Regionen liegt. Um trotzdem an den Goldkörnern zu verdienen, will Syngenta aus ihnen Vitamin-angereicherten Edelreis für die wohlhabenden Länder entwickeln: Dem gentechnisch getunten "Functional Food", das sogar aus fettigen Kartoffelchips reine Gesundheitskost machen soll, wird ein riesiger Markt vorhergesagt.
Gegner der grünen Gentechnik, darunter auch kritische Institute in den beschenkten Entwicklungsländern, sehen in dem Vitaminreis allerdings ein Trojanisches Pferd, mit dem weiteres "Frankenstein-Food" auf die Felder geschleust werden soll. Sie halten Potrykus und Beyer für Erfüllungsgehilfen der Agro-Konzerne, weil sie mit Steuergeldern finanzierte Forschungsergebnisse an AstraZeneca verkauft haben.
Anstatt Millionen in die Entwicklung von Gentech-Food zu investieren, sollte, so die Kritiker, die Ernährung auf ungeschälten Reis umgestellt werden, dessen Silberhäutchen von Natur aus Beta-Karotin enthält: Der Vitamin-A-Mangel entsteht dadurch, dass weißer Reis, dessen poliertes Korn kaum Vitamine enthält, in vielen armen Ländern fast das einzige Nahrungsmittel ist.
Davon abgesehen verursacht die einseitige Reis-Ernährung gleichzeitig Vitamin-B-, Jod- und Eisenmangel. Insbesondere der zu Blutarmut und Immunschwäche führende Eisenmangel stellt mit etwa zwei Milliarden Betroffenen ein viel größeres Problem als der Vitamin-A-Mangel dar. Kritiker befürchten, dass die Verbreitung des "Goldenen Reis" die dringend erforderliche Umstellung von der Reis-Monokultur auf eine abwechslungsreichere Ernährung zusätzlich erschweren würde.
Auch Gentechnik-freundliche Wissenschaftler stimmt die Tatsache nachdenklich, dass der "Goldene Reis" bisher fast ausschließlich in Potrykus' einbruchsicherem Züricher Treibhaus getestet wurde. Um ihn landwirtschaftlich zu nutzen, muss er mit natürlichen Sorten gekreuzt und im Freilandversuch auf Risiken untersucht werden.
Die Gentechnik-Gesetze der Schweiz, der EU-Staaten oder einiger Schwellenländer wie Brasilien machen solche Versuche nicht gerade leicht. Durch die Weitergabe ihres Prototypen an die Entwicklungsländer haben Potrykus und Beyer jetzt zumindest eines sichergestellt: dass ihre Pflanzen-Schöpfung eines Tages auf die Felder kommen wird - zweifellos in der untadeligen Überzeugung, der guten Sache zu dienen.