Kekulés Kolumne Wer klont gewinnt
Während hier zu Lande noch über die Menschenwürde embryonaler Zellen gestritten wird, werden andernorts Tatsachen geschaffen. Seit vergangenem Jahr kämpft eine junge amerikanische Familie um das Leben ihres Kindes: Der zehn Monate alte Junge starb im vergangenen Frühjahr nach einer missglückten Operation. Nun soll er als erster geklonter Mensch wieder auferstehen - aus vor seinem Tod eingefrorenen Zellen.
Das Experiment durchführen will die dubiose Hightech-Sekte der Raelianer . Sektengründer Claude Vorilhon, alias Raël, arbeitete als Sportreporter, bis Außerirdische mit einem Ufo kamen und ihm mitteilten, dass die menschliche Rasse einst in ihrem intergalaktischen Klon-Labor entstanden sei. Seitdem hat sich die über 30.000 Mitglieder zählende Vereinigung der gentechnischen Perfektionierung des Menschen verschrieben.
Was wie eine Episode aus dem Ufo-Klamauk "Men in Black" anmutet, ist möglicherweise der Ernstfall, den Kritiker seit der Geburt des Klon-Schafes Dolly vorhergesagt haben. Auch Fachleute trauen der mit eigenen Laboren und perfekter Internet-Präsenz ausgestatteten Sekte zu, ihren extraterrestrischen Reinkarnationsauftrag erfolgreich auszuführen.
Einfach und erfolgreich
Dabei kommt den Raelianern ein biologischer Zufall zugute, der seriösen Wissenschaftlern schon lange Sorge bereitet: Das ethisch besonders problematische "reproduktive Klonen", bei dem aus einer Körperzelle ein genetisch identischer Zwilling geschaffen wird, ist technisch vergleichsweise einfach und bei verschiedenen Tierarten bereits erfolgreich praktiziert worden.
Größte Hürde der so genannten Kerntransfer-Methode ist die geringe Ausbeute: Nur etwa jedes hundertste Ei wächst - beladen mit fremdem Erbmaterial - zum reifen Fötus heran. Der Eier-Engpass könnte der Sekte den entscheidenden Vorsprung sichern: Angeblich wurden aus der Schar der Ufo-Gläubigen bereits 50 Frauen rekrutiert, die ihrem Meister als Eispenderinnen und Leihmütter dienen wollen. Einen ähnlichen Wettbewerbsvorteil erhoffen sich Forscher in China und Südkorea, die ohne hemmende Gesetze mit dem Klonen begonnen haben.
Angesichts der Aussichten, den ersten geklonten Menschen moralisch zweifelhaften Biotechamateuren überlassen zu müssen, juckte es auch renommierte Wissenschaftler schon länger in den Fingern. Nun hat einer das Eis gebrochen: Der römische Reproduktionsmediziner Severino Antinori erklärte, dass er mit einem internationalen Team den ersten Menschen klonen will. Geplanter Geburtstermin: "Im Sommer 2002".
Die Macht der Fakten
Es sieht so aus, als ob die wissenschaftliche Entwicklung wieder einmal die ethische Diskussion hinter sich gelassen hat. Das Räsonnieren über mögliche Menschenrechte einzelner Zellen kommt zu spät in einer Gesellschaft, die den Tod Hunderttausender Embryonen bei künstlichen Befruchtungen und Abtreibungen längst akzeptiert hat.
Jetzt droht die philosophische Debatte um das therapeutische Klonen, bei dem es "nur" um die Verwendung von embryonalen Zellen zu Forschungszwecken geht, auch noch durch die Realität des reproduktiven Klonens überholt zu werden. Die mühsamen bio-ethischen Argumente zur Verteidigung des Embryos, von der Potenzialität der befruchteten Zelle bis zur Kontinuität des Individuums, versagen ausgerechnet beim reproduktiven Klonen vollends: Es wird ja kein Leben zerstört. Im Gegenteil, es wird menschliches Leben neu erschaffen.
Kritische Forscher werden von den Philosophen mit ihrem moralischen Unbehagen allein gelassen. Die gläubigen Christen unter ihnen mögen sich auf die Unantastbarkeit der göttlichen Schöpfung berufen. Den anderen liefert zum Glück die Wissenschaft selbst noch ein paar schlagkräftige Argumente gegen das reproduktive Klonen: gehäufte Missbildungen, vorzeitiges Altern, Nebenwirkungen auf das Immunsystem - und vor allem die ungeklärten Folgen für Tausende Generationen, die dem Gen-Pfusch ihrer Vorfahren auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sein werden.