Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
meinung •Mittel in Gefrierschränken und Wärmepumpen Das Geschäft mit den unbekannten Klimakillern
Mit dem Flugzeug auf die Malediven fliegen, dicke SUV fahren oder ein Steak essen ist klimaschädlich, soweit so bekannt. Doch wussten Sie, dass sich auch in Ihrem Gefrierschrank, Ihrer Auto-Klimaanlage oder Wärmepumpe klimaschädliche Stoffe befinden? Gern verdrängen wir, dass es neben CO₂ und Methan noch viele andere Treibhausgase gibt, die immensen Klimaschaden anrichten. Obwohl ihre Klimawirkung teils extrem groß ist, ist wenig über sie bekannt. Zeit, das zu ändern.
Die meisten Geräte, die kühlen oder Wärme erzeugen, benötigen sogenannte Kältemittel. Das sind Stoffe, die gut Wärme transportieren können. Hersteller etwa von Gefrierschränken oder Klimaanlagen nutzen dazu sogenannte F-Gase, etwa Fluorkohlenwasserstoffe. Diese können effizient ihren Aggregatzustand ändern und sind deshalb perfekte Wärmeträger. Das ist praktisch – aber leider auch sehr schlecht fürs Klima.
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Entweichen nur kleine Mengen, etwa aus beschädigten oder alten Gefrierschränken, hat das einen großen Effekt: Manche der Kältemittel wirken mehr als tausend- oder sogar zehntausendmal so stark wie CO2. Ein Kilogramm des in vielen Kühlanlagen verwendeten Kältemittels R134a etwa entspricht langfristig 1530 Kilogramm CO₂. Das ist so viel wie die Emissionen eines Mittelklassewagens auf einer Strecke von 10.000 Kilometern.
In den Neunzigerjahren wurden die F-Gase als Ersatz für die ozonschädigenden Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) eingeführt. FCKW – damit konnten damals alle etwas anfangen, weil sie zum Ozonloch beitrugen und die höhere UV-Strahlung etwa zu steigenden Hautkrebsraten führte.
Climate Crimes: Undercover im Kältemittel-Schwarzmarkt
Heute gibt es statt FCKW mehr als 30 standardmäßig verwendete synthetische Kältemittel – alle mit unterschiedlichen Namen und unterschiedlicher Treibhausgas-Intensität (GWP = Global Warming Potential). Ihre Verwendung trägt laut offiziellen Statistiken zu rund zwei Prozent des europäischen Treibhausgasausstoßes bei. Zum Vergleich: Das ist rund die Hälfte des Ausstoßes des europäischen Flugverkehrs.
Keine kleine Nummer also. Und wie eine aktuelle SPIEGEL-Recherche zeigt, könnte der Klimaschaden sogar noch größer sein. Zusammen mit dem österreichischen »Standard« haben wir monatelang den Kältemittel-Schwarzmarkt im deutschsprachigen Raum beobachtet und dort auch verdeckt recherchiert. Denn die Gase sind eigentlich nur noch mit entsprechenden Nachweisen zu bekommen, also nicht mehr frei verkäuflich. Die Europäische Kommission hat längst erkannt, wie gefährlich sie für die Klimabilanz sind. Durch Quoten werden sie schrittweise limitiert und so Anreize für Alternativen geschaffen, ähnlich wie beim EU-Emissionshandel. Je klimaschädlicher, desto teurer, so die Idee.
Das Problem: Auf dem Schwarzmarkt sind die Klimakiller billiger und Kontrollen gibt es nur wenige. Wir haben auf mehreren Plattformen nach Angeboten für Kältemittel gesucht, uns verdeckt als Kaufinteressenten ausgegeben, mit Insidern von Umweltämtern und der Justiz gesprochen – ein Klimakrimi.
Viele Händler sind skrupellos, es zählt nur der schnelle Profit, manche geben sich ahnungslos, als wir sie konfrontieren, andere tauchen ab. Leider scheint es auch genügend Abnehmer zu geben, Tendenz steigend. Und fast noch schwerwiegender: Behörden, die geltendes Umweltrecht nicht durchsetzen oder durchsetzen können, weil ihnen Personal und Mittel fehlen.
Meine Kollegin Sophia Stahl war besonders überrascht, wie skrupellos offen einige Anbieter agiert haben: »Dass uns manche Händler sogar schriftlich die mutmaßlich illegale Ware angeboten haben, hat mich wirklich sprachlos gemacht.« Sie fühlten sich anscheinend ziemlich sicher und rechneten gar nicht mit einer Verfolgung.
Wo kein Richter, da kein Täter. Wo kein Bewusstsein, da auch kein Aufschrei. Das ist die traurige Bilanz unserer Recherche. Da die Öffentlichkeit kaum etwas über F-Gase weiß, versprechen sich wohl auch viele Behörden wenig politische Erfolge aus den Kontrollen. Bei 30 Tonnen Kokain landet man immerhin in den Panoramaspalten der Presse. 4800 Zylinder mit illegalen Kältemitteln aus China, wie sie vor wenigen Wochen in Rotterdam beschlagnahmt wurden, erregen dagegen kaum Aufmerksamkeit. Ihr Interesse, liebe Leserinnen und Leser, an dem Thema könnte aber dazu beitragen, das zu ändern. Lesen Sie hier die ganze Geschichte .
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Verdeckte Recherche: Den Kältemittel-Schwarzmarkt haben deutsche Behörden kaum im Blick
[M] Lea Rossa / DER SPIEGEL; Fotos: Tamer Adel / Alamy / mauritius images (Symbolbilder, 2); Akaradech Pramoonsin / Getty Images; REUTERS
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Ihre Susanne Götze
Redakteurin Wissenschaft