Kupfer in Çatalhöyük: Wie ein Hausbrand Archäologen narrte - DER SPIEGEL
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Kupfer in Çatalhöyük Wie ein Hausbrand Archäologen narrte

Seit mehr als 50 Jahren streiten Archäologen darüber, wo und wann die Metallverarbeitung erfunden wurde. Nun konnten Forscher zeigen, wie ein Hausbrand und Grabschmuck auf die falsche Spur lockten.
Überreste der Siedlung Çatalhöyük
Überreste der Siedlung Çatalhöyük

Überreste der Siedlung Çatalhöyük

Foto: imago
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Es war eine wissenschaftliche Sensation: In den Sechzigerjahren entdeckten Archäologen in der steinzeitlichen Siedlung Çatalhöyük 8500 Jahre alte Kupferschlacke - eine Abfallmasse, die bei einem Schmelzprozess entsteht. Seitdem streiten Wissenschaftler darüber, ob die Metallverarbeitung im westlichen Eurasien an dem Fundplatz in Anatolien ihren Anfang nahm.

Nun fanden Archäologen jedoch heraus: Bei der Schlacke handelt es sich vermutlich um zufällig zusammengeschmolzene Minerale. Die Ergebnisse der Studie wurden im Fachblatt "Journal of Archaeological Science"  veröffentlicht.

"In dem Moment ist der Groschen gefallen"

Die Forscher hatten die kleinen Schlackereste erneut untersucht, die bereits in den Sechzigerjahren bei Ausgrabungen gefunden worden waren. "Von Beginn unserer Studie an war klar, dass die Handvoll 'Schlacke' nur unfertig ist", sagt Miljana Radivojevic von der Cambridge University, die an der Studie mitgearbeitet hat. Das lege nahe, dass die Masse unbeabsichtigt beim Verbrennen von Kupfermineralen entstanden sei.

Blaues Kupfermineral Azurit in Çatalhöyük

Blaues Kupfermineral Azurit in Çatalhöyük

Foto: Çatalhöyük Research Project

Den Aha-Moment erlebten die Archäologen aber erst, als zwei Teammitglieder darauf hinwiesen, dass Kupferpigmente in Gräbern gefunden wurden. Einige dieser Gräber in Çatalhöyük waren offenbar in Brand geraten. "In dem Moment ist der Groschen gefallen", so Radivojevic.

Die Stadt ohne Straßen

Çatalhöyük ist einer der spektakulärsten Fundplätze der Welt. Er besteht aus zwei Hügeln, unter denen sich eine steinzeitliche Stadt verbirgt. Bereits vor 9000 Jahren ließen sich die ersten Menschen hier nieder. Straßen gab es nicht. Die Einwohner Çatalhöyüks bewegten sich über die Hausdächer fort. Auch die Hauseingänge befanden sich auf dem Dach.

In einigen Häusern wurden auch Tote bestattet - unter dem Fußboden. In einem der Häuser brach vor etwa 8500 Jahren ein Feuer aus. Dabei verbrannten auch die Knochen in den Gräbern und mit ihnen grüne Minerale, die vermutlich über die Leichen verteilt worden waren. Dabei sei die Kupferschlacke zufällig entstanden, sind sich die Forscher sicher.

Blaues Kupfermineral Azurit in einem Grab in Çatalhöyük

Blaues Kupfermineral Azurit in einem Grab in Çatalhöyük

Foto: Çatalhöyük Research Project

Ein weiteres Indiz dafür, dass die Kupferverarbeitung nicht schon vor 8500 Jahren in Çatalhöyük erfunden wurde: Die chemische Zusammensetzung der dort gefundenen Artefakte aus Kupfer stimmt nicht mit der gefundenen Schlacke überein, wie Ernst Pernicka von der Universität Heidelberg erklärt.

Die Neubewertung der Funde macht es laut den Studienautoren unwahrscheinlich, dass die Metallverarbeitung nur einen Ursprung hat. Die Archäologen gehen vielmehr davon aus, dass die Kupferverarbeitung in etwa gleichzeitig und unabhängig voneinander an verschiedenen Orten auf dem Balkan und eventuell in Iran erfunden wurde. Und zwar 1500 Jahre nachdem das Haus in Çatalhöyük abbrannte.

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"Die Erfindung der Metallverarbeitung ist grundlegend für alle modernen Kulturen und hat definitiv mehrfach an verschiedenen Orten auf der ganzen Welt stattgefunden", sagt Thilo Rehren vom UCL Institute of Archaeology in London, der ebenfalls an der Studie mitgearbeitet hat.

Nicht jedes Stück halbgeschmolzenes grünes oder schwarzes Zeug, das bei einer Grabung gefunden wird, müsse auch gleich Schlacke sein. Nur eine genaue Analyse ermögliche eine Unterscheidung zwischen dem absichtlichen Schmelzen von Metall und unbeabsichtigten Überresten eines Feuers. "Wir können die lange Debatte endgültig beenden", sagte auch Ian Hodder von der Stanford Universität, der seit 25 Jahren die Ausgrabungen in Çatalhöyük leitet.

koe

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