Lebenserwartung "Barriere nicht in Sicht"
SPIEGEL:
Seit 1840 werden die Menschen immer älter. Mit jedem Jahr stieg die Lebenserwartung um drei Monate. Geht das immer so weiter?
Oeppen: Forscher glaubten schon mehrfach, der Mensch habe seine Altersbarriere erreicht. Doch die zahlreichen Prognosen erwiesen sich noch jedes Mal als falsch: Die vermeintliche Höchstgrenze wurde jeweils wenige Jahre später von irgendeinem Volk durchbrochen. Auch jetzt stoßen wir noch nicht an die biologische Altersbarriere.
SPIEGEL: Wie wollen Sie das wissen?
Oeppen: Wenn die Lebenserwartung sich tatsächlich einem Maximum annähern würde, dann müsste sich der Zuwachs verlangsamen. Das tut er aber nicht.
SPIEGEL: Werden wir bald alle hundert Jahre alt?
Oeppen: Wenn der Zuwachs so bleibt, dann wird die durchschnittliche Lebenserwartung in 60 Jahren tatsächlich einhundert Jahre betragen.
SPIEGEL: Worin sehen Sie die Gründe für das immer länger werdende Leben des Menschen?
Oeppen: Wohlstand, Ernährung oder Medikamente spielen eine Rolle. Es gibt aber keinen Einzelfaktor, der einen großen Einfluss hätte.
SPIEGEL: Die moderne Medizin und die Arzneimittelindustrie schreiben sich gern auf die Fahnen, sie verlängerten das Leben.
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Oeppen: Sicherlich leisten sie einen Beitrag. Der Zuwachs an Lebenserwartung begann aber schon zu einer Zeit, als es Hightech-Medizin und Pharmafirmen noch nicht gab.
SPIEGEL: Was bedeutet Ihre Prognose für die Politik?
Oeppen: In bisherigen Planungen zur Bevölkerungsentwicklung könnte die Lebenserwartung als viel zu gering veranschlagt sein. Falsche Vorhersagen führen dazu, dass tief greifende, aber notwendige Änderungen in der Politik verschoben werden.