Legasthenie: Die Sprache ist schuld - DER SPIEGEL
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Legasthenie Die Sprache ist schuld

Auch wenn im Gehirn immer die gleichen Prozesse ablaufen, ist Legasthenie von Land zu Land unterschiedlich stark ausgeprägt. Offensichtlich hinterlässt eine knifflige Muttersprache bleibende Schäden.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Washington - Wer Probleme mit dem Lesen und Schreiben hat, wächst vielleicht nur im verkehrten Sprachkreis auf. Neurologen haben entdeckt, dass Legasthenie durch Sprachen mit einer besonders komplizierten Rechtschreibung forciert wird.

So sind in den USA rund zehn Millionen Kindern von der Lese- und Rechtschreibschwäche betroffen - prozentual rund doppelt so viel wie beispielsweise in Italien. Der Grund liegt, so die Ergebnisse eines internationalen Forscherteams um den Mailänder Eraldo Paulesu, in der Muttersprache: Das Italienische macht keinen großen Unterschied zwischen der Schreibweise und der Art, wie die Wörter ausgesprochen werden.

Dagegen schafft es, wie die Wissenschaftler im US-Fachjournal "Science" schreiben, die englische Sprache, 40 unterschiedliche Laute (so genannte Phoneme) in 1120 verschiedenen Schreibweisen zu Papier zu bringen. So kann dieselbe Buchstabenkombination unterschiedliche Aussprachen haben: "Mint" (Münze) erklingt mit einem "i", "Pint" (ein Volumenmaß) wird dagegen wie "ai" ausgesprochen.

Auch Französisch ist nur unwesentlich leichter. Die italienische Sprache kommt dagegen mit 33 Schreibweisen für ihre 23 Laute aus. Spanisch und Türkisch sind ebenfalls vergleichsweise leicht zu schreiben.

Grundlegendes neurologisches Muster

Das Team um Paulesu verglich bei seinen Studien die Hirnaktivität von 1200 britischen, französischen und italienischen Probanden. Dabei stießen die Forscher nicht nur auf regionale Unterschiede, sondern entdeckten auch ein grundlegendes neurologisches Muster, das hinter der Schreibschwäche stecken könnte: Alle untersuchten Legastheniker wiesen, unabhängig von ihrer Muttersprache, geringere Aktivitäten in der Region des Hirns auf, die für das Lesen entscheidend ist. Die gleiche Region in der linken Hemisphäre wird auch nach einem Schlaganfall ungenügend aktiviert.

Paulesu und Kollegen schließen daraus, dass die Legasthenie zweifellos eine neurologische Störung ist. Wie stark sich die Lese- und Rechtschreibschwäche aber bemerkbar macht, hängt stark vom Aufbau der muttersprachlichen Grammatik ab.