Maschinenträume Die Stunde des Homo roboticus naht
Wie ein futuristisches Maschinenwesen sieht Chips nicht gerade aus. Doch das mülltonnenartige Gebilde mit Monitor und Metall-Grimasse, das durch das Carnegie Museum of Natural History in Pittsburgh rollt, ist ein dennoch ein besonderer Roboter: Chips war vor drei Jahren der erste mechanische Museumsführer in den USA. Seither leitet er Kinder durch die Ausstellung und erklärt ihnen die Mechanismen der Evolution.
Den Fortschritt erklären will auch Hans Moravec - allerdings eher den technischen. "Roboter werden eine eigene Evolution durchmachen und völlig neue Dinge tun können. Sie werden stufenweise kompetenter und unabhängiger werden", behauptet der Forscher, der wegen seiner umstrittenen Thesen mal als Scharlatan verurteilt, mal als Prophet einer schönen neuen Roboterwelt gefeiert wird.
Moravec, der in Kanada als Sohn österreichischer Einwanderer aufwuchs, arbeitet am Robotics Institute der Carnegie Mellon University in Pittsburgh, wo auch Chips konstruiert wurde. Neben den Hochöfen von Steel Town, inmitten des Zentrums der amerikanischen Stahlindustrie, bastelt der Wissenschaftler seit mehr als zwanzig Jahren unermüdlich an einem lernfähigen Roboter für die Allgemeinheit.
Das Kunstwesen soll einmal Hausarbeiten, Einkäufe und andere alltägliche Dinge erledigen. "Bis zum Jahre 2010 wird es menschengroße Roboter geben, wenn auch nur mit den geistigen Fähigkeiten einer Eidechse. Immerhin werden sie einfache Dinge tun können wie Böden putzen, abstauben, Pakete befördern oder Müll wegbringen", so Moravec' Vorhersage für die nahe Zukunft.
Doch die Roboter der ersten Generation sind noch starre Sklaven von inflexiblen Programmen. "Nicht die Mechanik des 'Körpers', sondern das Fehlen eines 'Gehirns' bleibt das zentrale Problem", erklärt Moravec. Erst die zweite Generation werde ab 2001 in der Lage sein, neue Fähigkeiten zu erlernen. Moravec: "Diese Universalroboter werden mit rund 100.000 MIPS (Millionen Instruktionen pro Sekunde) immerhin die Intelligenz einer Maus haben."
Wohin die Evolution der Roboter bis zum Jahr 2050 führen könnte, hat Moravec in seinem zweiten Buch "Computer übernehmen die Macht" dargelegt. "Ich behaupte, dass Computer eines Tages auf dieselbe Weise werden wahrnehmen, erkennen und denken können wie ein Mensch", lautet die zentrale These, die in der KI-Gemeinde heftig angegriffen wurde. Zumal Moravec prognostiziert, dass in vierzig Jahren wandelnde Computer von menschenähnlicher Gestalt die geistigen und körperlichen Fähigkeiten des Homo sapiens sogar noch übertreffen werden.
Zumindest rein rechnerisch scheint diese Annahme durch das 1965 von Gordon Moore aufgestellte "Moorsche Gesetz" Bestätigung zu finden. Danach verdoppelt sich die Leistungsfähigkeit der Prozessoren alle 18 Monate, während sich ihre Größe gleichzeitig halbiert. Hält dieses Entwicklungstempo tatsächlich an, werden Roboter in vierzig Jahren in der Lage sein, 100 Billionen Instruktionen in der Sekunde auszuführen. Langfristig könnte dies Moravec zufolge auf eine symbiotische Verschmelzung von Bewusstsein und Computertechnik hinauslaufen. "Die Roboter würden die Evolution der menschlichen Intelligenz nachvollziehen", glaubt der Forscher, "nur zehnmillionenmal so schnell."
Die von ihm skizzierte Entwicklung, an deren Ende ein Homo roboticus den Homo sapiens in der Evolution ablöst, muss Moravec zufolge jedoch nicht unbedingt zum Ende des Menschen führen: "Richtig erzogen, werden diese Roboter überwältigend sein. Ich bin überzeugt, dass sie uns in jedem Bereich menschlichen Wirkens übertreffen werden, geistig oder physisch. Arbeiten werden wir dann nicht mehr müssen."
- Homepage von Hans Moravec
- Robotics Intitute der Carnegie Mellon University
- netmanager:Angriff der Blechkumpel - Die sieben wichtigsten Robotertypen
Für viele Kritiker sind solche Phantasien jedoch kaum nachvollziehbar. Vor allem dann, wenn davon die Rede ist, dass Menschen zukünftig ihr Bewusstsein freiwillig in Computern laden werden, um als Roboter weiterzuleben. Und selbst das von zahlreichen Science-Fiction-Autoren und Regisseuren ausgemalte Horrorszenario eines Krieges zwischen Mensch und Maschine scheint in Moravec' Zukunftswelt nicht völlig ausgeschlossen.
Zuvor jedoch, so der Roboterforscher, werden uns die Maschinenmenschen zunächst einmal die wissenschaftliche Arbeit abnehmen und dabei natürlich billiger, rascher und effektiver vorgehen als ihre eigenen Erbauer. "Dann wird unser Weltbild weitgehend den Entdeckungen unserer künstlichen Nachfahren zu verdanken sein", prophezeit Moravec. Albert Einstein, der das jetzige Weltbild entscheidend mitprägte, hätte auf die gewagte Prognose womöglich mit seinem bekannten Zitat geantwortet: "Das Vorhersagen ist nicht einfach, besonders, wenn es die Zukunft anbelangt."