Medizin Allergiezellen nützen dem Körper
Mehr als hundert Jahre lang rätselten Forscher, unter anderem der Berliner Nobelpreisträger Paul Ehrlich, über den Nutzen der Mastzellen. Diese weißen Blutkörperchen, auch Allergiezellen genannt, schütten beim Kontakt mit Pollen oder Bienengift das Gewebshormon Histamin aus, das die typischen allergisch-entzündlichen Reaktionen hervorruft. Betroffen sind davon jedoch nur Allergiker. In gesunden Menschen, so glaubten Forscher bisher, seien Mastzellen nutzlos.
Sieben Jahre lang haben deutsche und amerikanische Wissenschaftler an den Allergiezellen geforscht und nun ihr Geheimnis gelüftet: Die Zellen bauen das körpereigene Gift Endothelin-1 (ET-1) ab, kontrollieren dessen tödliche Effekte und haben somit eine lebensrettende Funktion. ET-1 wird bei fast allen Entzündungsreaktionen im Körper produziert, so beispielsweise bei einer bakteriellen Blutvergiftung.
"Wir haben schon lange vermutet, dass Mastzellen für die Erhaltung der Gesundheit wichtig sind", erklärt Marcus Maurer, Sprecher der Forschergruppe der Berliner Charité, "sonst wären die eigentlich so gefährlichen Zellen nie von der Evolution verschont geblieben". Die Ergebnisse zeigten, dass die Mastzellen tatsächlich eine bislang unbekannte biologische Funktion haben, schreiben die Wissenschaftler im Magazin "Nature".
Allergien gehören zu den wenig verstandenen Krankheiten. Allergische Reaktionen erscheinen grundsätzlich als kontraproduktiv, denn der Körper reagiert mitunter sehr heftig auf einen Stoff, der für ihn gar keine Gefahr darstellt, etwa Pollen, Bienengift oder Mehl.
Millionen Deutsche leiden unter Allergien. In einigen Fällen führt Desensibilisierung zum Erfolg. Auch Medikamente, die die Wirkung von Histamin eindämmen, können die Belastung lindern. Als eine mögliche Ursache von Allergien gilt die übertriebene Hygiene in westlichen Ländern: Ein unterfordertes, gelangweiltes Immunsystem sucht sich quasi Beschäftigung. Andere mögliche Auslöser sind Umweltgifte, schlechte Ernährung und nicht erkannte Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten.
Die Berliner Forscher wollen nun untersuchen, ob Mastzellen oder auch Mastzellenprodukte in Zukunft bei der Therapie von schweren Infektionen und anderen Entzündungserkrankungen eingesetzt werden können. Allergikern aber können die neuen Erkenntnisse über Mastzellen kaum weiterhelfen.