Medizin Gen bestimmt Empfindlichkeit für Arzneimittel
In der Disco-Szene sorgen Türsteher dafür, dass geschäftsschädigende Rüpel draußen bleiben. Auch die menschliche Zelle hält sich einen Rausschmeißer. Der schickt körperfremde Substanzen aus dem Zellinneren zurück ins Blut oder in die Zellzwischenräume. Leider unterscheidet dieser Zellwächter nicht zwischen Medikamenten und schädlichen Substanzen: Auch Arzneimittel werden größtenteils zurücktransportiert.
Nun haben Wissenschaftler festgestellt, dass es Menschen gibt, deren Zellen über mehr Wächter verfügen, und solche, deren Zellen weniger Rausschmeißer engagiert haben. Je nach Ausstattung muss der dazugehörige Mensch entweder eine hohe oder eine niedrige Dosis eines Medikaments einnehmen.
Die Wächter versehen in allen Darm-, Leber- und Nieren-Zellen, aber auch in der Blut-Hirn-Schranke und in der Plazenta ihren Dienst. Sie sitzen in der jeweiligen Zellhülle und bestehen aus einem Eiweiß, dem so genannten P-Glykoprotein (PGP). Wie die Zelle ihre PGP-Rausschmeißer bauen soll, legt ein bestimmtes Gen fest, das so genannte Multi-Drug-Resistence-Gen (MDR-1).
Eine Arbeitsgruppe der Berliner Humboldt-Universität hat in Zusammenarbeit mit dem Stuttgarter Dr.-Margarete-Fischer-Bosch-Institut und dem Münchner Unternehmen Epidauros Biotechnology festgestellt, dass das Multi-Drug-Resistence-Gen bei Menschen in verschiedenen Varianten vorkommen kann. Ein Viertel aller Menschen besitzen die so genannte TT-Variante des MDR-1-Gens. Bei dieser erblichen Ausstattung produzieren die Zellen nur sehr wenig Rausschmeißer. Daher wehren die Darmzellen Arzneistoffe nicht ab, sondern lassen sie geruhsam ins Blut übergehen. Die Folge: eine hohe Medikamenten-Konzentration im Blut. Das Heilmittel rauscht in voller Stärke dorthin, wo es wirken kann. Menschen mit der TT-Variante brauchen deshalb nur relativ geringe Dosen eines Pharmakons, um einen Effekt zu erzielen.
Weitere 25 Prozent der Menschen tragen die CC-Variante des Türsteher-Gens mit sich herum. Sie produzieren sehr viel von dem Transporter-Protein PGP, die Darmzellen sind daher recht unerbittlich und lassen nur geringe Mengen von Medikamenten ins Blut. Träger dieser Gen-Variante müssen eine ziemlich hohe Dosis einer Arznei einnehmen, damit sich ein heilender Effekt einstellen kann. Die restlichen 50 Prozent der Menschen sind mit MDR-1-Gen-Varianten bestückt, die zwischen beiden geschilderten Extremen liegen.
Ob man ein Arznei-Sensibelchen ist oder nicht, kann man selbst nicht feststellen, meint Ivar Roots, Studienmitarbeiter und Leiter des Instituts für klinische Pharmakologie an der Berliner Humboldt-Universität. Oft hänge die individuelle Medikamenten-Wirksamkeit auch davon ab, wie schnell der Körper die pharmakologische Substanz abbaue und entsorge. Doch der Gen-Effekt ist enorm. Je nach MDR-1-Variante konnte Roots Konzentrationsschwankungen von bis zu 30 Prozent feststellen. Auf den Alltag übertragen hieße das: Manche Menschen kommen mit zwei Tabletten aus, andere müssen dagegen drei nehmen, um den gleichen Effekt zu erzielen.