Medizintechnik Computerknie aus der Hightech-Werkstatt
Berlin - Abends vor dem Schlafengehen kommt die Batterie ans Ladegerät. Ansonsten müsse das neuartige künstliche Kniegelenk nicht besonders gewartet werden, versicherte Testpatient Bernhard Holtkamp bei der ersten öffentlichen Präsentation von Smart Magnetics in Berlin. "Alles ist möglich - ich kann mich normal bewegen, ohne dass gleich jeder sieht, dass ich amputiert bin", sagte der 33-Jährige. "Wenn man gut aufpasst, hält das Teil bis zu fünf Jahre."
Vor zehn Jahren verlor Holtkamp bei einem Arbeitsunfall sein rechtes Bein. "Ich kann jetzt wieder fast alles - Treppen steigen, Fahrrad fahren, bis zu fünf Kilometer gehen, schiefe Ebenen runterlaufen, theoretisch sogar joggen."
Das Hightech-Teil aus einer hochfesten Aluminiumlegierung wird über ein elektromagnetisches Feld gesteuert. "Da gibt es kein schwerfälliges Bremsknie mehr, sondern hohe Sicherheit und schnelle, flüssige Abläufe", erläuterte Christian Hartz von der Herstellerfirma Biedermann.
Gegenüber mechanischen Konstruktionen reagiere das neue Gelenk zusammen mit dem künstlichen Bein 400-mal schneller. Sensoren analysieren Gang und Beschleunigung, leiten die Informationen an einen Zylinder mit einer Flüssigkeit weiter, der magnetisch die Bewegung steuert. Die robuste Konstruktion habe schon beim Bau von Rennwagen ihre Feuertaufe bestanden, sagte Hartz.
Oberschenkelprothesen mit der neuen Technik kosteten weniger als die Hälfte bisheriger von Computern gelenkten Prothesen, rund 19.000 Mark. An einem der modernsten Krankenhäuser Europas, dem Unfallkrankenhaus Berlin-Marzahn , wird das rund anderthalb Kilo schwere Teil nun getestet und soll ab Herbst dieses Jahres auf den Markt kommen.
Die neue Entwicklung sei auch deshalb so wichtig, weil zunehmend junge Menschen bei Unfällen Gliedmaßen einbüßten, sagte der ärztliche Direktor Axel Ekkernkamp. Mit der modernen Technik bekämen sie ein Stück Normalität im Alltag wieder. Bei bundesweit jährlich 20 Milliarden Mark Ausgaben an Heil- und Hilfsmitteln - Tendenz steigend - würden zunehmend gute und zugleich preisgünstige Angebote gebraucht.
Deutschlandweit gibt es etwa 85.000 beinamputierte Menschen. Von den Betroffenen haben rund 35.000 ihr Bein oberhalb des Kniegelenks verloren. Jährlich werden rund 15.000 neue Beinprothesen für Oberschenkelamputierte gebaut.
Jutta Schütz