Moral: Smartphone-App verrät Verhalten im Alltag - DER SPIEGEL
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Werte-Forschung Wir Moralapostel

Tagtäglich wird der Sittenverfall der Menschheit beklagt. Doch offenbar sind wir viel größere Moralhüter als allgemein angenommen. Dies zeigt eine neue Studie, bei der Psychologen eine Smartphone-App nutzten.
Hilfe für Schwächere: Fürsorgliche Handlungen besonders häufig
Hilfe für Schwächere: Fürsorgliche Handlungen besonders häufig

Hilfe für Schwächere: Fürsorgliche Handlungen besonders häufig

Foto: Patrick Seeger/ picture alliance / dpa
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Schwupp, noch schnell über die rote Ampel gehuscht, obwohl neben mir ein Kind stand. Am Telefon kurz eine Notlüge abgestottert, um nicht zum Kaffee zu Uschi zu müssen. Und was verkünden die Tageszeitungen heute: ach ja, Mord, Totschlag, Folter. Menschen sind schlecht.

Gar nicht wahr, legt nun eine aktuelle Untersuchung nahe. Die Studie, die heute im Fachjournal Science erscheint , zeigt erstmals, wie viel Moral und Unmoral tatsächlich in unserem Alltag steckt. Die Überraschung: Wir sind größere Moralhüter als gedacht. Obendrein ist Wohltätertum sogar ansteckend - und macht glücklich.

Psychologen aus Deutschland, den USA und den Niederlanden drangen für ihre Untersuchung ins echte Leben der Probanden vor. Sie baten mehr als 1200 US-Amerikaner und Kanadier zwischen 18 und 68 Jahren, an drei Tagen mehrmals über eine Smartphone-App anzugeben, ob sie in der vergangenen Stunde etwas Moralisches oder Unmoralisches getan oder beobachtet haben, ob ihnen selbst derartiges widerfahren ist oder sie von solchen Taten anderer gehört haben.

Über den Tag verteilt erhielten die Teilnehmer fünf Kurznachrichten, die sie zur Beantwortung eines kurzen Fragebogens aufforderten. Rund 4000 moralische und unmoralische Situationen konnten die Forscher verzeichnen und auswerten.

SMS-Hinweis auf Moral-App: Zweithäufigste Kategorie "Schaden zufügen"

SMS-Hinweis auf Moral-App: Zweithäufigste Kategorie "Schaden zufügen"

Foto: Wilhelm Hofmann

Demnach scheint der Mensch gar nicht so unmoralisch zu sein. Die Studienteilnehmer berichteten nämlich recht ausgewogen von positiven wie negativen Erlebnissen. Fast ein Drittel aller Moralberichte enthielt fürsorgliche Handlungen.

Ein Studienteilnehmer etwa gab einem Obdachlosen eines seiner Sandwiches ab. Ein anderer half einem Touristen weiter, der sich wohl verlaufen hatte. Andere gute Taten: Ein Familienwochenende, statt mit den Jungs was trinken zu gehen, sich für unterdrückte Minderheiten einzusetzen, eine Aufgabe wirklich zu beenden, auch wenn es unzählige Überstunden brauchte.

"Schaden zufügen" war allerdings die zweithäufigste Kategorie in den per App erfassten Moralprotokollen. Die Frau, die in ihrem Auto raucht, obwohl ihre Kleinkinder hinten drin sitzen, gehört dazu.

Jeder siebte Bericht drehte sich um Fairness. Sagt man der Kellnerin, dass sie noch gar nicht kassiert hat, auch wenn sie denkt, sie hätte das bereits? Und hat der eine Kollege tatsächlich den Balsamico-Essig eines anderen Mitarbeiters aus der Gemeinschaftsküche im Büro mit zu sich nach Hause genommen? Genauso häufig Thema im Alltag: Ehrlichkeit. Die einen finden ein Handy und bringen es dem Besitzer zurück. Die anderen lügen einem Freund ins Gesicht.

Von welcher Form von Moralverhalten die Probanden öfter berichteten, hing dabei auch von ihrer politischen Einstellung ab. Liberale Teilnehmer erwähnten häufiger Situationen, in denen es um Freiheit oder Unterdrückung sowie Ehrlichkeit und Fairness ging. In den Moralberichten der Konservativen herrschten hingegen Themen wie Loyalität, Autorität und Reinheit vor.

Tipp der Psychologen: "Gutes tun"

Für alle Teilnehmer galt jedoch: Wenn es um sie selbst ging, berichteten sie eher vor allem gute Taten. Die schlechten Taten hingegen waren meist Sache der anderen. Ganz im Stil von: "Ich trenne Müll. Mein Sohn hingegen lädt illegal Musik herunter." Generell hörten die Teilnehmer von anderen Menschen eher Schlechtes als Gutes.

Die Studienautoren entwarnen jedoch: "Das muss nicht unbedingt unsere verzerrte Wahrnehmung sein. Vielleicht sind wir wirklich alle eher gut als schlecht", sagt einer der Studienautoren, Wilhelm Hofmann (Universität zu Köln). Die oft einseitige, eher negative Themenauswahl der Medien spiegle sich auch im Tratsch wider: Dabei schnappten Menschen mehr unmoralische als moralische Geschichten von anderen auf.

Selbst derjenige zu sein, der Kleidung oder Geld spendet, einer alten Dame über die Straße hilft oder für mehr Flüchtlingshilfe protestiert, erzeugte in den Probanden sogar ein gesteigertes Glücksempfinden. Wann immer sie eine gute Tat begangen hatten, schätzten sie sich anschließend auch als glücklicher ein und sahen in ihrem Leben mehr Sinn. "Wenn Sie sich selbst etwas Gutes tun wollen", rät der Psychologe Hofmann daher, "dann tun Sie anderen Gutes."

Das könnte sogar eine Massenbewegung in Gang setzen. Denn moralisches Verhalten ist auch ansteckend, zeigt die Untersuchung. Studienteilnehmer, denen im Laufe des Tages etwas moralisch Gutes widerfahren war, wurden später selbst öfter zum Wohltäter.

Sind wir also alle heiliger, als wir dachten? Vermutlich nicht. Denn: Sobald die Probanden früher am Tag selbstlos geholfen hatten, ehrlich waren, Respekt zollten oder ähnliches, ließen sie sich später eher mal gehen. Das tägliche Moral-Kontingent war dann wohl aufgebraucht.

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