Nascar-Serie: Die Bleiblüter - DER SPIEGEL
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Nascar-Serie Die Bleiblüter

Die Nascar-Serie gehört zu den beliebtesten Rennserien in den USA - und ist zugleich die einzige weltweit, die noch verbleites Benzin verfeuert. Das bekommen Fahrer und Techniker zu spüren, wie sich jetzt bei Bluttests herausgestellt hat.
Von Volker Mrasek
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

So viel Tradition im Rennsport ist selten. Seit fast 50 Jahren schlucken die V6- und V8-Zylindermotoren der Nascar-Tourenwagen den gleichen Sprit: "110 Leaded Racing Gasoline". So nennt sich der offizielle Kraftstoff der US-amerikanischen Rennserie, die gerade mitten in den Vorbereitungen für die im Februar startende neue Saison steckt. Die "110" steht für die hohe Oktanzahl des blassroten, besonders klopffesten Spezialbenzins, der Begriff danach für eine Kraftstoff-Komponente, mit der man heutzutage nicht mehr unbedingt rechnen würde: "Lead" ist das englische Wort für Blei.

Aus herkömmlichem Pkw- und Lkw-Sprit ist das Schwermetall schon länger verschwunden. Selbst die Formel 1 kommt seit Jahren ohne das klassische, aber giftige Antiklopfmittel Tetraethylblei aus. Nicht aber die über 400 PS starken Boliden des Nascar-Zirkus. "Die Einzigen in den USA, die noch verbleiten Treibstoff benutzen, sind die Luftfahrt und der Rennsport", sagt Gregory Steele, Forscher am Indiana University Hospital in Indianapolis. Mit der US-Großstadt verbindet man vor allem den berühmten Motorspeedway.

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Nascar-Serie: Wo der Bleifuß noch Blei bewegt

Foto: AP

Dort trieb sich auch Steele im vergangenen Jahr des Öfteren herum. Der Assistenzprofessor für Epidemiologie hatte mehrere Nascar-Rennställe für eine Pilotstudie gewinnen können. Steele wollte wissen, wie stark Mechaniker und andere Boxenhelfer dem Blei aus dem Rennbenzin ausgesetzt sind - wie viel von dem nervenschädigenden Schwermetall sich also im Körper der Teammitglieder findet.

45 Männer und zwei Frauen ließen sich von Steele und seinen Kollegen zu ihrem Job an der Rennstrecke befragen und Blut abnehmen. Im Schnitt waren die Probanden mehr als neun Jahre lang im Geschäft. Die Ergebnisse ihrer Analysen stellten die US-Wissenschaftler jetzt auf einer medizinischen Fachtagung in Philadelphia vor. Zugleich veröffentlichen sie ihre Studie  im Fachmagazin "Journal of Occupational and Environmental Hygiene".

Viermal mehr Blei im Blut als Normalbürger

Die Ergebnisse sind durchaus beeindruckend. Den Bleigehalt im Blut der Normalbevölkerung beziffert Steeles Kollege Joseph O'Neil mit heutzutage etwa zwei Mikrogramm pro 100 Milliliter. Bei den Nascar-Boxenteams lag er im Mittel bei neun Mikrogramm, und "19 von 47 Studienteilnehmern hatten Bleikonzentrationen von zehn Mikrogramm Blei pro Deziliter und mehr", so der Mediziner.

Diesen Schwellenwert wählten die Forscher aus Indianapolis ganz bewusst. Laut O'Neil müssen höhere Konzentrationen im Fall einer chronischen Blei-Aufnahme als gesundheitsschädlich angesehen werden. Das habe sich in Langzeituntersuchungen an Kindern gezeigt. Bei ihnen könne Blei zu Entwicklungsstörungen führen. Verlässliche Studien mit Erwachsenen gebe es leider nicht, sagt der Klinikarzt und räumt deshalb auch ein: "Ob nun acht, zehn oder 15 Mikrogramm bei den Nascar-Helfern kritisch sind, kann im Moment niemand sagen."

Jedenfalls klagten viele der Studienteilnehmer über Symptome, die mit Blei-Aufnahme in Verbindung gebracht werden. Nach den Protokollen waren das vor allem Kopfschmerzen, unerklärliche Müdigkeit, Konzentrationsstörungen sowie Muskelschwäche in Handgelenken und Fingern. Sie traten insbesondere bei Crew-Mitgliedern auf, die direkten Umgang mit dem Rennbenzin haben oder dem Abgas stärker ausgesetzt sind als andere. "Je höher der Bleigehalt im Blut, desto häufiger wurde auch von diesen Symptomen berichtet", resümiert O'Neil. "Das könnte ein Indiz für die Giftwirkung des verbleiten Benzins sein."

Schädliche Wirkung auf empfindliche Organe

Normalerweise lagere sich inkorporiertes Blei mit der Zeit in Knochen und Nägeln ab. Bei den Nascar-Teams sei das jedoch nicht der Fall: "Da zirkuliert es ständig im Blut und kann seine schädliche Wirkung auf empfindliche Organe ausüben", warnt Steele. Einstweilen haben die Kliniker ihrer Rennklientel schon Vorsichtsmaßnehmen ans Herz gelegt. Dazu gehört unter anderem, Handschuhe bei der Reinigung von Motor und Kraftstoffanlage zu tragen.

Umweltverbände in den USA hoffen noch immer darauf, dass die Nascar-Vereinigung auf bleifreien Sprit umsattelt. "Wenn Kasachstan in der Lage ist, Blei aus dem Benzin zu eliminieren, warum ist es dann nicht auch die Nascar?", giftete zuletzt eine Organisation namens "Clean Air Watch". Die US-Umweltbehörde EPA hatte die Motorsportliga sogar schon 1998 aufgefordert, sich um Alternativen zu ihrem "110 Leaded Racing Gasoline" zu kümmern. Die Nascar testete daraufhin tatsächlich unverbleite Treibstoffe. Doch dabei blieb es.

Das Blei im Rennbenzin sei einfach unverzichtbar, betonen Nascar-Verantwortliche immer wieder. Die Tourenwagen-Motoren liefen mit 8000 bis 10.000 Umdrehungen pro Minute und müssten Langstreckenrennen über 500 Meilen durchstehen. Da brauche es nun mal einen vor Explosionen gefeiten Kraftstoff mit hoher Oktanzahl - inklusive Blei.

Indycar-Serie fährt mit Biosprit vom Acker

In "Circle Track & Racing Technologies" liest sich das anders. Auch die Fachzeitschrift für den "Ovalkurs-Rennsport" in den USA hat sich mit dem strittigen Thema beschäftigt - und kommt zu dem Schluss, dass die Nascar-Flitzer ihre Runden sehr wohl mit unverbleitem Benzin drehen könnten. Die Kompression der Motoren müsse lediglich etwas reduziert werden, eine entsprechende Reglement-Änderung sei ohne weiteres denkbar.

In anderen US-Motorsportligen sind Fahrer und Verantwortliche offener für Veränderungen. So will die - ebenfalls sehr populäre - Indycar-Serie komplett umsteigen. Bisher fahren ihre Fahrzeuge mit Methanol aus chemischer Fertigung. Spätestens in der Rennsaison 2007 soll aber ein anderer alkoholischer Kraftstoff in die Tanks fließen: Ethanol aus Getreide.