Nutzungs-Studie Das Internet als Krankheit
Ein "beträchtlicher Anteil der Bevölkerung", schreiben die Forscher in der Fachzeitschrift "CNS Spectrums: The International Journal of Neuropsychiatric Medicine", zeige Verhaltensweisen, die zumindest auf "problematische Internetnutzung" hinwiesen. Man konzentriere sich oft darauf, "wie großartig das Internet ist, wie sehr es Dinge vereinfacht und effizienter macht", sagt Elias Aboujaoude von der Stanford University School of Medicine. Aber "wir müssen auch darüber nachdenken, dass es für eine Untergruppe von Menschen reale Probleme erzeugt".
Die Forscher betonen allerdings, dass es sich um eine Pilotstudie handelt - ein Krankheitsbild "Internetsucht" wird durch die Untersuchung nicht definiert.
Die Telefonumfrage erfasste 2513 US-Amerikaner, die zufällig ausgewählt worden waren. 68,9 Prozent davon bezeichneten sich selbst als regelmäßige Internetnutzer. Bei all diesen suchten die Forscher dann gezielt nach dem, was Sucht ausmacht: das immer wiederkehrende, sich aufdrängende und unwiderstehliche Bedürfnis, eine bestimmte Handlung auszuführen, die im Moment zwar als angenehm erlebt wird - langfristig aber im Privaten wie beruflich ernsthafte Probleme mit sich bringen kann.
Eine wissenschaftliche Definition für "Internet-Sucht" gibt es noch nicht, deshalb bedienten sich die Forscher bei Merkmalen, die von anderen Süchten her bekannt sind, etwa Alkoholismus.
Die Ergebnisse: 13,7 Prozent aller Befragten fanden es schwierig, mehrere Tage hintereinander nicht online zu gehen. 12,4 Prozent blieben oft oder sehr oft länger im Netz, als sie ursprünglich vorgehabt hatten. 8,7 Prozent gaben an, sie versuchten "nicht-essentielle Internetnutzung" vor Familie, Freunden und Arbeitgeber zu verheimlichen. 8,2 Prozent nutzten das Internet, um Probleme oder negative Stimmungen zu verdrängen, und 5,9 Prozent hatten das Gefühl, dass ihre Beziehung unter ihrem exzessiven Netz-Gebrauch litt.
Ist das nicht alles mit heimlichem Pornokonsum zu erklären?
Das so skizzierte Bild des Netz-Süchtigen finde man vor allem unter Single-Männern von höherer Bildung in den Dreißigern. Aboujaoude ist der Meinung, dass die Ergebnisse nicht allein durch den heimlichen Konsum von Pornografie zu erklären sind: "Wenig überraschend ist, dass Online-Pornografie und bis zu einem gewissen Grad auch Online-Glücksspiele bislang die meiste Aufmerksamkeit erfahren haben." Auch andere Arten von Web-Angeboten wie Chaträume, Internet-Shops und Informationsseiten kämen aber in Frage. Zwar habe die Studie nicht erfasst, welche Seiten nun im einzelnen angesurft wurden, aber "andere Studien und auch unsere klinische Erfahrung zeigen, dass Pornografie nur ein Bereich exzessiver Internetnutzung ist."
Aboujaoude weist aber auch darauf hin, dass in der Forschergemeinde keineswegs Einigkeit herrscht über die Frage, ob es Netz-Sucht gibt oder nicht. Viele glauben, dass der exzessive Gebrauch einfach ein Ausdruck anderer psychischer Probleme wie Depressionen oder Zwangsstörungen sein könnte. In China dagegen ist man bereits überzeugt: Internet-Sucht ist eine Krankheit, und die muss man behandeln. In Peking gibt es bereits eine Spezialklinik, die den Patienten den Spaß am Netz austreiben soll - mit Elektroschocks.
Für Aboujaoude ist besonders der Punkt "Probleme und negative Stimmungen verdrängen", den 8,2 Prozent der Nutzer bejahten, bedenklich. "In gewisser Weise benutzen sie das Internet zur Selbstmedikation", so der Mediziner. Außerdem stimme ja offensichtlich etwas nicht, "wenn Menschen sich die Mühe machen, ihre Internet-Aktivität zu verheimlichen".
Dennoch "sagen wir nicht, dass wir es hier mit einer Störung zu tun haben", sagt er, "aber diese Studie war als erster Schritt nötig, um etwas möglicherweise klinisch Bedeutsames zu identifizieren." Nun werde man in Einzelgesprächen mit einer großen Gruppe von Menschen versuchen, das Phänomen besser zu verstehen.
cis