Operationen: Blutstrom auf Abwegen - DER SPIEGEL
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Operationen Blutstrom auf Abwegen

Ein neues Verfahren könnte in einigen Fällen riskante Bypass-Operationen am offenen Herz ersetzen. Bei dem raffinierten Eingriff wird Blut in ungewohnte Bahnen gelenkt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die klassische Bypass-Operation ist ein äußerst schwer wiegender Eingriff: Um verengte Herzkranzgefäße zum Beispiel mit einem gesunden Venenstück aus dem Bein zu überbrücken, muss der Brustkorb geöffnet und das Herz für etwa eine Stunde stillgelegt werden. Der Patient erholt sich von dieser Tortur nur langsam, bei vielen älteren Herzkranken wäre eine derart belastende Operation zu riskant.

Herzspezialisten aus Deutschland, Japan und den USA haben nun ein neuartiges Verfahren vorgestellt, bei dem eine Vene die Aufgabe der schadhaften Arterie übernimmt. Ein Öffnen des Brustkorbes ist dabei nicht nötig: Die Mediziner führen einen Katheter durch das Bein des Patienten bis in das verengte Herzkranzgefäß. Den Ablauf der Operation überwachen sie per Ultraschall.

Gesunde Kranzarterien versorgen den Herzmuskel mit sauerstoffreichem Blut. Das verbrauchte Blut fließt über benachbarte Venen in die rechte Herzkammer, von wo aus es zur Aufbereitung wieder in die Lunge gepumpt wird. Bei dem 53-jährigen Deutschen, an dem das Verfahren zuerst erprobt wurde, war eine Kranzarterie weitgehend blockiert, der Muskel erhielt kaum Sauerstoff.

Der Engpass begann allerdings erst im Mittelteil der Arterie, ein Stück davor war noch offen. In diesem Bereich stießen die Chirurgen mit einer Nadel durch die Gefäßwand in eine nahe liegende Vene. Anschließend erweiterten sie den Stichkanal mit einem kleinen, aufblasbaren Ballon und setzten ein Verbindungsstück ein. Die Vene wurde auf der einen Seite der neu geschaffenen Umleitung versperrt, so dass das Blut nur noch in verkehrter Richtung - zum Herzmuskel - fließen konnte.

Über die zur Arterie umfunktionierte Vene wurde der Muskel wieder ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Ein Team von zwei Operateuren bewältigte den Eingriff in zwei Stunden, der Patient musste dabei nicht an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen werden. Über ihr Verfahren berichten die Mediziner um Stephen Oesterle von der Harvard University in aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Circulation".

Timothy Gardner, Sprecher der American Heart Association, bezeichnete die Operationstechnik als "genial". Er wies jedoch darauf hin, dass sie sich nur für wenige Fälle eignet, bei denen die Kranzarterie an einem Ende offen ist. "Bei der großen Mehrzahl der Patienten, die eine Bypass-Operation benötigen, lässt es sich nicht anwenden", sagte er zur Online-Ausgabe der Fachzeitschrift "Nature".

"Es ist noch nicht der große Durchbruch", räumte Oesterle ein. Das neue Verfahren, so hofft er, könnte jedoch ein erster Schritt zu schonenden, bei vielen Patienten anwendbaren Operationsmethoden der Zukunft sein. "Seit etwa fünf Jahren redet man über minimal-invasive Bypass-Operationen, aber auch dabei wird immer noch der Brustkorb geöffnet", sagte der Mediziner.

Der Eingriff, über den das Team nun berichtete, wurde bereits im November 1999 am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Trier vorgenommen. Der Patient, der vor der Operation an starken Schmerzen im Brustkorb litt, hat sich nach Angaben von Oesterle mittlerweile gut erholt und kann ein vergleichsweise normales Leben führen.