Problemfluss Ganges Heilung des heiligen Stromes
Mutter Ganga: Die heiligen Rituale der Pilger
Auch in der großen nordindischen Tiefebene herrscht strenger Winter - mit kalten Nebeln über Neu-Delhi und frierenden Menschen, die sich Tücher um die Schultern wickeln, damit sie ein wenig vor dem Frost geschützt sind. Und auch längster Strom, der Ganges, wirkt in der kalten Welt abweisend und noch schlammfarbiger als sonst auf seinem Weg durch Bundesstaaten wie Uttar Pradesh, Bihar und West-Bengalen, wo er zusammen mit dem Brahmaputra das größte Flussdelta der Welt bildet.
Doch wie so oft in Indien wirken auch jetzt bunte Kontraste und Luftgebilde dem rauen Alltag entgegen. Am Donnerstag beginnt in der Stadt Hardwar das religiöse Mammut-Festival Mahakumbha Mela, an dem zehn Millionen tiefgläubige Hindus teilnehmen. Die meisten von ihnen wollen trotz des frostigen Wetters ein Bad im Ganges nehmen und sich dabei mit Wasser bespritzen - im Gedenken an einen mythischen Kampf zwischen Göttern und Dämonen, die sich um heiligen Nektar stritten. Den Siegern sollte der Nektar ewigwährendes Leben garantieren.
Und auch weiter flussabwärts wird gebadet: In Varanasi, der Zitadelle des Hinduismus am Ganges, die Gläubige für einen Hort des Lichts und der Erlösung halten. Vor der Kulisse alter Tempel und Paläste schreiten unverdrossen Pilger über Treppen hinab zu dem Fluss - Frauen im Sari und manche der Männer in weißen Lendenschurzen.
"Ganga mata", Mutter Ganges, wasche die Badenden von ihren Sünden rein, so lehrt es die Hindu-Mystik. Die Zauberkraft des Stromes gilt auch Sterbenden, denen noch ein letzter Schluck mit Flusswasser gereicht wird. Und ein finaler Glaubensakt ist die Verbrennung auf Holzstößen und das Verstreuen der Asche im Ganges. Nur so kann man dem Kreislauf des Sterbens und der Wiedergeburt entkommen, wähnen die Hindus.
Dem Glaubenssatz von der Reinheit des Ganges steht indessen ein weltliches Übel entgegen: Das Wasser des Flusses ist so sehr verschmutzt, dass sich Premierminister Manmohan Singh persönlich des Problems annimmt. Er hat die Säuberung des Stromes angeordnet und dem Ganges den Ehrentitel "nationaler Fluss" verliehen - als einzigem unter den großen Wasserläufen, die sich in Indien dahinwälzen.
Generalüberholung geplant
Im Dezember hat auch die Weltbank angekündigt, sich an der Säuberung des Ganges zu beteiligen - zunächst mit einem Kredit in Höhe von einer Milliarde Dollar, dem die Regierung in Delhi noch drei weitere Dollarmilliarden hinzufügt.
Bis zum Jahr 2020 soll der Ganges dank moderner Kläranlagen wieder sauber sein wie im indischen Abschnitt des Himalaja, wo er türkisfarbig aus den Bergen sprudelt.
Dringend notwendig ist das Programm wegen des Bevölkerungswachstums und des Wirtschaftsbooms auf dem Subkontinent. Das Einzugsgebiet des Ganges umfasst eine Million Quadratkilometer mit 400 Millionen Menschen. Die Großstädte lassen Abwässer in den Ganges, die nur mangelhaft gereinigt sind und auf den ersten Blick wie Rohabwässer aussehen. Und gefährlich sind Laugen mit Arsen und Schwermetallen, die von Industrieanlagen in den Fluss geschleust werden.
Nun, mit dem neuen Großvorhaben zur Sanierung des Ganges, hofft man endlich auf die Wende. Man erinnert sich an einen ähnlichen Versuch, den Mitte der achtziger Jahre der damalige Premier Rajiv Gandhi lanciert hatte. Doch dessen sogenanntes Ganges-Aktionsprogramm erwies sich mangels finanzieller Masse als Stückwerk und verpuffte praktisch wirkungslos.
Stromausfälle bringen das Krematorium ins Stocken
Das galt auch für Varanasi, das frühere Benares, wo immerhin drei Kläranlagen gebaut wurden - und ein elektrisch betriebenes Krematorium zur Feuerbestattung frommer Hindus. Doch die Kläranlagen, so beschreibt es der indische Filmemacher Gaurav Bhagat in dem Online-Magazin "EcoWorld", halfen nicht viel: Wegen der großen Menge von Abwässern und weil immer wieder mal der Strom ausfällt, entsteht ein Rückstau bis hin zu den religiösen Badeplätzen. Auch das Krematorium kommt wegen Stromausfalls beim Einäschern oft ins Stocken.
All das könnte sich dank des Milliarden-Programms der Regierung und der Weltbank ändern, meint Veer Bhadra Mishra, 67, eine Kapazität auf dem Feld der religiösen und wissenschaftlichen Betrachtung des Ganges. Mishra setzt sich seit über einem Vierteljahrhundert für die Reinigung des Flusses ein und genießt dank einer Doppelrolle hohes Ansehen. Er ist emeritierter Professor für Wasserbau und zugleich Hauptpriester des Sankat-Mochan-Tempels, eines wichtigen Heiligtums in Varanasi, das dem Poeten und Hindu-Philosophen Tulsi Das gewidmet ist - einem Meister von Hindu-Texten aus dem 16. Jahrhundert.
Früher hat Mishra jeden Tag mit einem Bad im Ganges begonnen. Nur er durfte es wagen, am Reinheitsgebot des Flusses zu zweifeln - auf Demonstrationen von Ganges-Schützern, die Banner mit einer provokanten Aufschrift vorantrugen: "Ist der Ganges ein Fluss der Erlösung oder macht er krank?"
Dem Ganges-Programm Rajiv Gandhis setzte er eine Umweltstiftung entgegen, die auch heute noch den Namen seines Tempels trägt: die Sankat Mochan Foundation. Ihr Ziel ist das "swatcha", die Säuberung des heiligen Stromes.
Mishras Anhänger säubern den Fluss an Swatcha-Tagen mit Rechen von Treibgut und Leichenteilen, die nicht vollständig verbrannt wurden. Sie verteilen an Schulen Material zum Thema Gewässerkunde, und sie legen flussabwärts in Dörfern Brunnen mit reinem Trinkwasser für die Bewohner an. Und schließlich, an einem Uferplatz der Hindu-Universität in Varanasi, hat er ein Labor errichtet, das Wasserproben untersucht.
Mikrobiologen legen die Gummihandschuhe an
Bisher machten die Befunde wenig Mut, die man dort erhoben hat. Denn der Ganges nähert sich Varanasi bereits stark verunreinigt, nachdem er zuvor noch die Millionenstadt Allahabad passiert hat - eine Metropole der Industrie, die jedem Inder auch als Geburtsort von Indira Gandhi und Jawaharlal Nehrus bekannt ist, des ersten indischen Premierministers.
Der Mangel an Kläranlagen hat dazu geführt, dass der Ganges mit 20.000 bis 100.000 krankmachenden Keimen pro hundert Milliliter Wasser in Varanasi ankommt. Die Mikrobiologen im Labor der Hindu-Universität haben bei solchen Werten längst die Gummihandschuhe angelegt.
Dabei ist es nicht so, dass Indien mit den Anforderungen an die Wasserqualität etwa hinter Deutschland oder Europa herhinkt. Für Wasser, das zum Baden geeignet ist, diktiert das Umweltministerium in Delhi einen Wert, der unter 500 Keimen liegt - das entspricht jener Norm, die auch die EU für Fließgewässer vorgeschrieben hat.
Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Nachdem der Ganges die Badeplätze in Varanasi und den Rest der Stadt passiert hat, schnellen die Werte auf ein bis zwei Millionen Keime hoch. Mit dem "Wasser der Unsterblichkeit", von dem einst der Mogul-Herrscher Akbar schwärmte, ist es dort nicht mehr weit her.
Im Sommer bedeutet all das eine Gefahr für die badenden Pilger, von denen täglich etwa 60.000 durch das Wasser waten. Durchfallerkrankungen sind häufig, und Unglückliche treten die Heimreise mit Hepatitis an. Ein Studienkreis indischer und japanischer Ärzte stellte flussabwärts eine Zunahme seltener Krebsleiden fest, darunter Gallenblasenkrebs vor allem bei Frauen.
Dem jetzt aufgelegten Säuberungsprojekt begegnet der Ganges-Aktivist und Tempelpriester Mishra vorsichtig optimistisch. "Es gibt mehr Geld und damit ein größeres Potential für gute Konzepte," sagt er SPIEGEL ONLINE. "Man muss das aufmerksam beobachten."
Entscheidend ist für ihn, dass nicht nur Wissenschaft und Technik zum Tragen kommen, sondern auch das Erbe alter Zivilisationen und der Glaube an das "mokscha", die Erlösung in dann möglichst reinen Ganges-Fluten.
Damit sich alles richtig fügt, plant Mishra selbst ein Netz von Klärteichen, in denen Bakterien und Algen Klärschlamm abbauen. Sie würden ohne das labile Stromnetz auskommen und begeistern die Menschen schon jetzt. Fast 100.000 Freiwillige haben sich bereiterklärt, die Erddämme der Teiche aufzuschütten - auch das ein Akt der religiösen Hingabe, wie er nur in Indien möglich ist.