Psychopharmaka 2067 Der Kopf wird neu möbliert
Wenn alle Hochrechnungen, Delphi-Umfragen und Szenariokonstruktionen versagen - dann greifen meine amerikanischen Kollegen zu dem, was sie "Channeling" nennen. Sie nehmen direkten Kontakt zu einem verwandten Geist in der Zukunft auf. Nun habe ich es auch probiert, einen Eisenkraut-Tee geschlürft, mich auf der Couch ausgestreckt, die Augen geschlossen und versucht, mit jemandem aus dem Jahr 2067 in Verbindung zu treten.
2067 ist, unter uns gesagt, verdammt weit weg, selbst für professionelle Gedankenspringer. Ein oder zwei weltpolitische Umwälzungen wie der Zusammenbruch des Ostblocks sind bis dahin fällig: Europäische Union, was war das doch gleich? Vereinigte Staaten von Amerika - meinen Sie Nord oder Süd? Und wärmer wird es dann sicher auch sein. Oder ein ganzes Stück kälter. Je nachdem. Als Zukunftsforscher hat man ja immer mehr als ein Szenario in der Tasche. Vielleicht war in der Zwischenzeit auch eine sino-indische Expedition auf dem Mars. Aber mag sein, dass das 2067 längst Geschichte ist und die Mehrheit den Planeten-Trip für einen typischen Cyberspace-Schwindel hält, das mit dem Lift ins All hat ja ebenfalls nicht geklappt. Und jeder Mensch wird 2067 von zwei, drei Robotniks bedient, oder man hält sich genmodifizierte, allergenfreie Kuscheltiere.
Plötzlich rauscht es in meinen Ohren, und ich höre Gemurmel wie von fernen Stimmen. Alle sprechen auf einmal.
Nur allmählich gelingt es mir, die Eindrücke zu sortieren, zu verstehen, was sie mir, sich dazwischen- und widersprechend, mitteilen wollen: Nano-Neurotechnologien haben den Sprung über Raum und Zeit ermöglicht, das Bewusstsein nach Vergangenheit und Zukunft entgrenzt.
Sechs Jahrzehnte Hirnforschung haben uralte Träume wahr werden lassen.
Zuerst ging es ja noch um ein banales Brain Enhancement: mehr Speicherplatz für Fußballergebnisse, eine schnellere Denke für Geschäftsverhandlungen, kürzere Reaktionszeiten auf den virtuellen und realen Battlefields, besseren mentalen Schutz gegen versteckte Werbebotschaften. Doch seit kurzem, sagen die Kollegen aus dem Jahr 2067, ist der Mensch wirklich Herr seines Denkens und Fühlens. Herrscher im eigenen Hirnstübchen. Er bestimmt sogar, was er wollen will.
Für die 2067er ist die Ich-Technologie die größte Umwälzung des 21. Jahrhunderts. Internet, Raumfahrt, Cyberspace, Nanorobots, Gentechnik - alles altbackenes Zeug.
Nach Wunsch manisch, ekstatisch, melancholisch, depressiv
Auf das Mensch-Design, den Umbau des Körpers, folgt der des Geistes. Wer will, kann jetzt eine Zeitlang manisch sein, ekstatisch, frenetisch, fetischistisch, oder eben melancholisch, depressiv, apathisch, schizoider Vielgeist oder paranoider Angstgeistlicher, kann sich - wie früher Jogis nach mühevoller Selbstkasteiung - mit dem Universum vereinen oder mit dem Staubkorn, das ein Spiegelbild des Universums ist.
Innenwelt-Möblierung gilt nun als verlockender Geschäftszweig: Ich richte dir den Gefühls-Haushalt ein, samt der Erinnerungs-Zimmer. Welchen Tick, welche Marotte, welche Phobie, welche Obsession, welche Wahrnehmungsverzerrung möchtest du? Die rote oder die blaue Pille?
Schluck dies, und du wirst in die eigenen Abgründe schauen.
Trink jenes, und du wirst un-Du sein - dein eigner Antipode.
Wir machen das Leben spannend wie einen Albtraum, liefern, wenn gewünscht, private Religionen gleich mit, angefertigt nach individuellen Vorlieben und schnell ins Gehirn imputiert. Wer will, ist nun sein eigener Gott, spricht eine eigene heilige Sprache und versteht die seines Totem-Tieres.
Seid ihr überhaupt noch Menschen, will ich in die Zukunft fragen, oder eine Art Aliens, außerirdische Monstren, Wesenheiten wie aus Mythologien oder Horrorfilmen?
Nein, nie hätten sie, so die Stimmen, behauptet, noch zur alten Gattung Adams und Evas zu gehören. Sie sähen sich eher als das Ziel des Menschen.
Vielleicht, überlege ich, ist 2067 ja wirklich der Endpunkt Omega der Evolution erreicht? Meine Muskeln zucken. Ich rapple mich auf. Wieso nur, wundere ich mich, die Augen öffnend, haben sie gerade mit mir geistig unmöbliertem Vorfahr Kontakt aufgenommen?
Das kann eigentlich nur daran liegen, dass sie in den Internet-Archiven diesen SPIEGEL-ONLINE-Artikel gefunden haben.