Raketenabwehr: US-Luftwaffe testet fliegendes Lichtschwert - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Raketenabwehr US-Luftwaffe testet fliegendes Lichtschwert

Die US-Luftwaffe will den fliegenden Laser wieder in die Luft schicken: einen Jumbo-Jet, der ballistische Raketen abschießen soll. Der zuständige General vergleicht das Projekt mit "Star Wars" und dem Kampf gegen das Böse - doch seine Techniker treten auf der Stelle.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

An vollmundigen Versprechungen hat es noch nie gemangelt, wenn die US-Regierung und ihre Militärs über den Schutz der USA vor Raketenangriffen philosophiert haben. Doch während Präsident George W. Bush und seine Getreuen davon schwärmen, die Vereinigten Staaten vor den Atomraketen der "Schurkenstaaten" zu schützen, lästern unabhängige Experten seit Jahren über die technischen Fähigkeiten der futuristischen Verteidigungssysteme.

Die inzwischen in Alaska stationierten Abwehrraketen haben nach Meinung von Fachleuten bisher in noch keinem Test überzeugend demonstriert, dass sie anfliegende Interkontinentalraketen abfangen können - da präsentiert die US-Regierung bereits ihr neues, altes Spielzeug: den "Airborne Laser". Die Missile Defense Agency hat das Flugzeug, das irgendwann einen Hochenergie-Laser in seiner Nase tragen soll, jetzt erneut für Testflüge aus dem Hangar geholt.

Diesmal sollen die Zielsysteme, die eine präzise Ausrichtung des Lasers auf eine Rakete ermöglichen sollen, im Flug getestet werden. Die Funktionstests dieser Systeme am Boden haben mehrere Jahre in Anspruch genommen. Das Laser-Flugzeug mit der Bezeichnung "YAL-1A" ist zuletzt im Dezember 2004 geflogen - um zu erfahren, ob der Jet, in dessen Nase immerhin sechs Tonnen zusätzliches Gewicht untergebracht werden müssen, überhaupt noch flugtauglich ist. Zwei Jahre hatte er zuvor am Boden verbracht.

Es wird nach Angaben der Missile Defense Agency wohl noch bis 2008 dauern, ehe das Flugzeug erstmals im Flug auf eine Testrakete schießen wird. Die militärische Einsatzfähigkeit werde anschließend weitere Jahre auf sich warten lassen.

Grundsätzliche Zweifel an Abwehrfähigkeit

Ob das Konzept aber überhaupt funktionieren kann, ist durchaus umstritten - denn der "Airborne Laser" soll, wie auch die bodengestützten Abwehrraketen der USA, feindliche Interkontinentalraketen in deren Startphase abschießen. Das aber ist schwierig, wenn nicht gar unmöglich.

In der Startphase ist die Rakete am verwundbarsten, da sie vergleichsweise langsam fliegt und leicht zu orten ist. Die Triebwerke einer ballistischen Interkontinentalrakete brennen aber nach dem Start nur drei bis vier Minuten, ehe das Geschoss im freien Fall auf sein Ziel zurast. Ein Flugzeug, das eine Rakete in der Startphase abschießen soll, müsste sich also nicht nur bereits in der Luft befinden, sondern der Startrampe der Rakete auch sehr nahe sein, um eine Chance für einen Abschuss zu haben.

Ähnliche Bedenken wurden schon im Fall der bodengestützten Abwehrraketen laut. Mitte 2003 veröffentlichte die American Physical Society (APS) ein Gutachten, das schwere Zweifel an der Funktionstüchtigkeit von Bushs Nationaler Raketenabwehr weckte. Um eine ballistische Rakete in der Startphase abzufangen, so das Fazit der Experten, müssten selbst extrem schnell fliegende Abfangraketen in einem Abstand von nur 400 bis 1000 Kilometern von ihrem Ziel stationiert sein.

"Wir bauen die Mächte des Guten auf"

Die Triebwerke von Flüssigtreibstoff-Raketen, wie sie derzeit Nordkorea und Iran entwickeln, werden rund vier Minuten lang gezündet, die von fortschrittlicheren Feststoffraketen nur rund 170 Sekunden. Rechnet man die Zeit für die Identifikation des feindlichen Flugkörpers ab, heißt es in der APS-Studie, blieben nur 140 bis 170 Sekunden, um eine startende Flüssigstoffrakete zu treffen. Bei einer Feststoffrakete schrumpfe das Zeitfenster auf 90 bis 120 Sekunden.

Generalleutnant Henry "Trey" Obering war bei der erneuten Vorstellung des "Airborne Lasers" dennoch um martialische Worte nicht verlegen. Die Vergleiche der Nationalen Raketenabwehr mit "Star Wars"-Fantasien finde er eigentlich nicht schlecht, gab er zu. "Ich glaube, dass wir die Mächte des Guten aufbauen, um die Mächte des Bösen zu schlagen", sagte Obering. "Wir unternehmen einen großen Schritt, um dem amerikanischen Volk sein erstes Lichtschwert zu geben."

Zwar bemerkte Obering, dass die umgebaute Boeing 747-400F nicht eben das schönste Flugzeug sei, dass er je gesehen habe. "Aber es soll auch nicht hübsch sein", sagte er. "Es soll gemein sein."

mbe/AP

Mehr lesen über

Verwandte Artikel