Raumstation ISS Geld regiert das All
Die bösen Worte sind gesagt. Locker, ohne Scham, fast schon selbstverständlich. In fast jedem Vortrag beim Internationalen ISS-Forum in Berlin waren Begriffe wie "Werbung", "Product Placement", "industrielle Forschung" oder "Tourismus" zu hören. Mal etwas versteckt am Ende, überraschend oft aber auch als einer der Kernpunkte.
Was vor Jahren noch einen empörten Aufschrei bei Wissenschaftlern und Weltraumagenturen ausgelöst hätte, namentlich die unverhohlen kommerzielle Nutzung eines Raumlabors oder einer Raumstation, wird immer mehr zur Selbstverständlichkeit. Zunächst waren es die Russen, nun wollen auch die westlichen Staaten mit ihrem schwebenden Labor Geld verdienen. Emsig wird an Ideen gearbeitet, finanziell das Optimum aus der Internationalen Raumstation herauszuholen - ohne dabei den im Vordergrund stehenden wissenschaftlichen Aspekt zu vernachlässigen.
Ein Spagat, der nicht leicht zu meistern ist. Entsprechend unterschiedlich fallen die Konzepte aus. Die Kanadier beispielsweise, deren Hauptbeitrag zur ISS ein auf Schienen montierter flexibler Greifarm ist, wollen 50 Prozent ihrer ISS-Ressourcen kommerziell vermarkten.
Um sich dabei nicht die Finger schmutzig zu machen, soll sich eine weitgehend eigenständige Firma um Details kümmern. Der Vertragspartner darf allein entscheiden, wer mit welchen Projekten ins All fliegt. Die kanadische Raumfahrtbehörde, so Martin Lebeuf in Berlin, interessiert primär eines: dass die Gewinne kräftig sprudeln.
Daran haben auch die finanziell klammen Russen großes Interesse. Experten vermuten, dass sich die russische Raumfahrtbehörde weit mehr als die Hälfte ihrer ISS-Ressourcen in Dollar vergüten lassen will. Konzepte oder Hinweise auf die Modalitäten waren in Berlin allerdings nicht zu hören. Die Russen, bereits aus "Mir"-Zeiten für ihre Improvisationskunst berühmt, geben sich flexibel. Nichts ist unmöglich, lautet die unterschwellige Botschaft des Rosaviakosmos-Vertreters Nikolai Anfimow.
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Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten sieht das anders aus: Die USA widmen sich ganz der industriellen Forschung. 17 Zentren hat die Nasa im gesamten Land aufgebaut, die kommerzielle Forschungsprojekte sammeln und somit Geld in die Kassen der US-Weltraumbehörde spülen sollen. Fred Best von der Texas A&M University lässt keinen Zweifel, wie die Auswahlkriterien aussehen: "Die Industrie stimmt mit ihrem Geld für die Projekte ab."
Eine Erlösquelle bleibt den Amerikanern allerdings verschlossen: Werbung. Per Gesetz ist es US-Behörden untersagt, private Produkte oder Dienstleistungen zu empfehlen. Die Nasa legt diese Vorschrift nach eigenem Bekunden sehr vorsichtig aus: Ein US-Astronaut dürfte, anders als seine russischen Kollegen, vor laufenden Kameras niemals in einen Teigfladen der Firma Pizza Hut beißen.
Zwar könnte die Weltraumbehörde beim Congress beantragen, das Gesetz entsprechend zu ändern - ob das ihrem Image bei der traditionell auf unabhängige Behörden gepolten Bevölkerung zuträglich ist, bleibt allerdings offen. Zudem befürchten Beobachter, die Regierung könnte das Nasa-Budget mit jeder neu erschlossenen Einnahmequelle weiter kürzen. Die Deutschen haben da ganz andere Probleme.
Lesen Sie im zweiten Teil, wie das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt potenzielle Kunden umgarnt und wie private Unternehmer die (Werbe-)Industrie ins All bringen wollen.