Risiko Passagierjet Fliegende Zeitbomben
Die Zahlen sehen recht harmlos aus. Exakt 90.770 Liter Treibstoff kann eine handelsübliche Boeing 767-300 - ähnlich der American-Airlines-Maschine, die mit voller Wucht ins New Yorker World Trade Center raste - nach Auskunft des Herstellers tanken.
90.000 Liter Kerosin beinhalten allerdings ein gewaltiges Sprengpotenzial. Chemiker geben den so genannten Brennwert von Kerosin (die Energie, die beim Verbrennen einer Substanz frei wird) mit rund 46 Megajoule pro Kilogramm an. Umgerechnet in Einheiten, die beispielsweise aus der täglichen Stromproduktion bekannt sind, ergibt das eine Leistung von mehr als zwölf Kilowattstunden. Pro Kilogramm Kerosin, wohlgemerkt.
Eine voll getankte Boeing 767 kann allerdings - abhängig von der Temperatur und somit der Dichte des Kerosins - in ihren Tanks rund 75.000 Kilogramm Kerosin transportieren. Damit ergibt sich rein rechnerisch eine freigesetzte Energie, die der von 1000 Tonnen des Sprengstoffs TNT entspricht. Anders als Sprengstoff verbrennt das gesamte Kerosin aber nicht auf einen Schlag, die Druckwelle fällt deutlich geringer aus. Dennoch lässt sich abschätzen, welchen Temperaturen die Stahlkonstruktion des Wolkenkratzers bei dem Aufprall ausgesetzt war.
Die Fluglinien sind sich der Urkräfte, die in ihren Linienjets schlummern, bewusst. Aus Sicherheitsgründen - vor allem aber um Gewicht zu sparen - wird beim Start nur so viel Kerosin getankt, um sicher zum Ziel zu kommen und notfalls noch einen Ausweichflughafen ansteuern zu können. Dabei müssen Parameter wie Temperatur, Windverhältnisse, Eigengewicht, aber beispielsweise auch die Passagierzahl berücksichtigt werden.
Ein nicht unbedeutender Teil des Treibstoffs verbrennt bereits beim Start. Bei modernen Passagierjets verbrauchen die Triebwerke je nach Flugzeuggewicht beim Abheben bis zu 16 Tonnen Kerosin pro Stunde. Dennoch wird auf der relativ kurzen Stecke zwischen Boston und New York (Fluglinie rund 300 Kilometer), die eine der beiden in New York verunglückten Maschine zurückgelegt haben soll, nur wenig an Explosionspotenzial abgebaut.
Hinzu kommt, dass sich bei modernen Verkehrsmaschinen die Tanks zum Teil in den Tragflächen befinden. Ein Frontalcrash mit einem Gebäude ist gar nicht nötig: Wird der Flügel nur leicht beschädigt, kann schnell die gesamte Maschine in Flammen stehen. Auch hier trägt das Kerosin seinen Teil bei: Der Treibstoff entzündet sich bereits bei Temperaturen zwischen 150 und 250 Grad Celsius.
Alexander Stirn