Rüstung: Wer baute die "Super"? - DER SPIEGEL
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Rüstung Wer baute die "Super"?

Edward Teller galt lange als "Vater der Wasserstoffbombe" ­ doch er selbst hat den wahren Erfinder benannt: Richard Garwin, einen jungen Physiker, der in der Waffenfabrik Los Alamos jobbte.
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Auf der Intensivstation des kalifornischen Krankenhauses lag jener Mann, der entscheidend dazu beigetragen hatte, dass die USA alles Leben auf Erden dutzendfach auslöschen könnten. Nun war sein eigenes Leben in Gefahr: "Ein Herzinfarkt tut höllisch weh, und ich habe erkannt, dass ich nicht unsterblich bin", beichtete der Patient seinem Gesprächspartner und engen Freund George Keyworth. Die Todesangst hatte Edward Teller Bescheidenheit gelehrt: Nach der Entlassung aus der Klinik reiste der Physiker nach Los Alamos, um sich im Wüstenklima New Mexicos von den Folgen des Infarkts (den er bis heute überlebt hat) zu erholen. Dort traf er sich, im September 1979, erneut mit Keyworth und zog, bei laufendem Tonband, Bilanz seines wissenschaftlichen Lebens. Vergangenen Monat übergab Keyworth die 20-seitige Abschrift des Tonbandprotokolls dem Wissenschaftsjournalisten William Broad von der "New York Times". Darin erzählt Teller, zur Zeit der Aufnahme 71 Jahre alt, eine neue Version der Geschichte über die Entwicklung der stärksten Vernichtungswaffe aller Zeiten ­ der Wasserstoffbombe. Nicht ihm, Teller, allein gebühre das Verdienst, "Vater der H-Bombe" zu sein ­ ein Titel, den er selbst seit fast einem halben Jahrhundert für sich beansprucht hatte. Der entscheidende Durchbruch zum Bau der von den US-Militärs erträumten "Super" sei vielmehr, so Teller, einem damals 23 Jahre jungen Doktor der Physik gelungen, der 1951 in der Bombenbauwerkstatt Los Alamos den Sommer verbrachte: Richard Garwin. "Ich war allenfalls die Hebamme" Garwin hatte an der University of Chicago bei Teller studiert, dort auch unter dem Mitentwickler der Atombombe Enrico Fermi seine Doktorarbeit verfasst und auf dessen Empfehlung hin in Los Alamos einen Sommerjob angetreten. Garwin: "Ich musste vor allem mein Gehalt aufbessern, denn die Uni Chicago bezahlte mich nur für neun Monate im Jahr." Der Jungphysiker, inzwischen einer der schärfsten Kritiker der amerikanischen Nuklearrüstung, hat sich nie sonderlich um seinen Nachruhm als Bombenbauer geschert. Als eigentlichen "Vater der H-Bombe", wie nun das Teller-Testament nahe legt, mag er sich ohnehin nicht betrachten: "Ich war allenfalls die Hebamme." "Die Idee von der 'Super' war eigentlich ein alter Hut", erinnert sich Garwin. Teller hatte das Wasserstoffkonzept schon seit Anfang der vierziger Jahre verfolgt. Es fristete ein Schattendasein, das Crash-Programm zur Entwicklung der Atombombe hatte im Rahmen des Manhattan-Projekts absoluten Vorrang. Auch nach dem Einsatz der beiden ersten Atombomben über Hiroschima und Nagasaki waren die "eggheads", die Eierköpfe von Los Alamos, "vorrangig und hochtourig" (Garwin) damit beschäftigt, den ­ technisch gesehen ­ eher niedrigen Wirkungsgrad der Milliarden Dollar teuren Nuklearwaffen zu erhöhen: Bei der Nagasaki-Bombe "Fat Man" wurden nur 21 Prozent des Plutoniums gespalten, "Little Boy" zeigte einen noch geringeren Wirkungsgrad: Über 98 Prozent des Bombenrohstoffs flogen auseinander, ohne sich zu spalten. Entfesselte Urkraft In Panik geriet die US-Regierung, als die Sowjetunion 1949 ihre eigene Atombombe zündete und als dann auch noch im Jahr darauf der Physiker Klaus Fuchs, der zum Kreis der Eggheads zählte, der Spionage für die Sowjets überführt wurde. US-Präsident Harry Truman ordnete den sofortigen Bau einer "hydrogen bomb" an. Nicht mehr die Zertrümmerung (Fission) von Atomkernen, sondern deren Verschmelzung (Fusion) heizte nun den Kalten Krieg an. Die Urkraft, die das Feuer der Sonne erhält, sollte in Sprengkörpern erst ge- und dann entfesselt werden. Erst jetzt schlug die Stunde Edward Tellers. Im Gegensatz zu vielen anderen Bombendesignern, die nach Abschluss des Manhattan-Projekts auf Distanz gegangen waren und Los Alamos verlassen hatten, focht Teller unbeirrt für die noch gewaltigere "Super". Doch was immer Teller und seine Kollegen, zu denen auch der hochkarätige Mathematiker und Exil-Pole Stanislaw Ulam gehörte, an Ideen ausklügelten und im Elektronenhirn Eniac durchspielten, erwies sich zunächst als unpraktikabel. Verfolgt wurden anfangs verhältnismäßig schlichte Konzepte. Die Sprengsätze "Item" und "George", mit denen sie erprobt wurden, explodierten im Frühjahr 1951 über dem Testgelände des Eniwetok-Atolls im Pazifik. Doch die Wucht blieb weit hinter den Erwartungen zurück. Das Vorhaben musste neu überdacht werden. "Teller hatte die Idee", so Garwin, "die der Schockwelle unmittelbar vorausgehende radioaktive Strahlung zur Verdichtung der Wasserstoffladung zu nutzen und so die Kettenreaktion zu zünden." Teller beauftragte seinen gerade angereisten ehemaligen Studenten Garwin, ein geeignetes Experiment zu entwickeln. Diese "überraschende Aufgabe" kam Garwin gerade recht: "Wenn man in der Wissenschaft oder in der Mathematik etwas Handfestes erreichen will, sollte man am besten junge Leute heranziehen, die zuvor niemals etwas mit dem spezifischen Problem zu tun hatten", sagt der langjährige IBM-Forscher und Inhaber von 44 Patenten heute. Im Frühsommer 1951 ging Garwin an die Arbeit. "Es gab damals ein knappes Dutzend Experten in Los Alamos, die sich mit der 'Super' beschäftigten. Ich sammelte eigentlich nur ihre Ideen ein und wog sie gegeneinander ab." Als entscheidend erwies sich Garwins in Fachkreisen weithin bekanntes Talent, Ideen und Forschungsergebnisse verschiedener Fachgebiete zu verknüpfen. Garwin: "Ich entschied mich ­ von Tellers Auftrag abweichend ­ dafür, nicht nur ein theoretisches Experiment zu erarbeiten, sondern gleich den Bauplan für den Prototyp einer H-Bombe zu entwerfen." Bei Fragen nach genauen Details seines Vorschlags hält sich Garwin bis heute zurück; er dürfe "noch immer über viele Dinge nicht sprechen". Palmen zerfielen zu Asche Der Plan des jungen Physikers erwies sich als perfekt. Er hielt allen kritischen Untersuchungen stand, welche die Los-Alamos-Experten anstellten, nachdem Garwin wieder abgereist war. Teller: "Garwin lieferte den Klebstoff für die Bombe, und zwar in Rekordzeit." Über die Wintermonate wurde in der abgelegenen Bombenfabrik auf dem Hochplateau von Los Alamos die "Super" entwickelt: ein Metall-Trumm, sechs Meter hoch, 1,8 Meter im Durchmesser. Die Bombe wog 65 Tonnen und sah aus wie eine riesige Thermosflasche. Errichtet wurde der Sprengsatz auf der Insel Elugelab im pazifischen Eniwetok-Atoll. Rund 500 Mess- und Forschungsstationen, über 30 Inseln verteilt, bildeten das Testzentrum. Rund 10.000 Beobachter wurden am Morgen des 1. November 1952 Augenzeugen, als "die erste thermonukleare Sonne von der Erde aufstieg", wie es der amerikanische Militärhistoriker Chuck Hansen in einer Monografie über die US-Atomwaffen beschrieb. Garwin war nicht darunter. An jenem Novembertag des Jahres 1952 verschwand die Insel Elugelab im Meer. Fontänen von Erde peitschten in die Luft, Fische kochten im Ozean, Palmen entfernter Nachbarinseln zerfielen zu Asche. Wäre Garwin der Einladung gefolgt, der ersten H-Bomben-Explosion beizuwohnen, er hätte wohl schon damals ein Urteil gefällt, das er heute, fast ein halbes Jahrhundert später, als Altersweisheit formuliert: "Hätte ich einen Zauberstab, ich würde alles rückgängig machen wollen." RAINER PAUL