Säuglingssterblichkeit Todesrisiko Y-Chromosom
Chicago - Um rund ein Viertel höher liegt derzeit das Sterberisiko neugeborener Jungen im Vergleich zu Mädchen - und zwar nicht in der Dritten Welt sondern in hoch entwickelten Industrieländern. Dass der Unterschied längst nicht immer so hoch war, das beweisen Forschungen von Greg Drevenstedt und seinen Kollegen von der University of Southern California, die in der aktuellen Ausgabe der "Proceedings of the National Academy of Sciences" veröffentlicht werden. In den Jahren von 1751 bis 1870 habe der Geschlechterunterschied zum Beispiel bei nur 10 bis 15 Prozent gelegen, heißt es in der Studie.
Zwar waren auch damals die Jungen im Nachteil, doch weil die Säuglingssterblichkeit in den entwickelten Ländern in den vergangenen Jahrzehnten insgesamt stetig zurückgegangen ist, haben sich die Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen vergrößert. Wegen der immer niedrigeren Säuglingssterblichkeit sei der Einfluss jener, "die mit gewissen Schwächen geboren werden" gestiegen, heißt es in der Studie. Die Säuglingssterblichkeit umfasst den Anteil der Kinder, die in ihrem ersten Lebensjahr sterben.
Der wachsende Nachteil der Jungen lege ein unerwartetes Maß an männlicher Verwundbarkeit bloß, schreiben die Forscher. So hätten Jungen ein um 60 Prozent höheres Risiko für eine zu frühe Geburt. In diesen Fällen seien die Säuglinge wegen ihres schwächeren Immunsystems vermehrt Infektionskrankheiten ausgesetzt. Dazu kommt ein weiteres Problem: Weil Jungen größer sind - und vor allem größere Köpfe haben -, gibt es bei ihrer Geburt ohnehin ein größeres Risiko von Komplikationen.
Diese Nachteile seien prinzipieller Natur und ließen sich nicht durch die deutlichen Verbesserungen in der Hygiene wettmachen, schreiben die Forscher. Und trotzdem können auch Jungen hoffen. Denn die Geschlechterlücke bei der Sterblichkeit scheint in den vergangenen Jahrzehnten leicht zurückgegangen zu sein. Nachdem sie im Jahr 1970 mit 31 Prozent ihren Höchstwert erreicht habe, falle sie nun wieder.
Dafür verantwortlich ist nach Ansicht der Forscher die steigende Zahl von Kaiserschnitten: Von dieser Form der Geburt könnten Jungen wie Mädchen gleichermaßen profitieren. Vor 1970 seien in den untersuchten Ländern nur etwa fünf Prozent aller Babys per Kaiserschnitt entbunden worden, inzwischen seien es mehr als 20 Prozent.
chs/AFP