Schöninger Speere: Die ältesten vollständig erhaltenen Jagdwaffen der Welt sind vielleicht doch nicht so alt - DER SPIEGEL
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Schöninger Speere Die ältesten vollständig erhaltenen Jagdwaffen der Welt sind vielleicht doch nicht so alt

Ihr Fund gilt als Sensation: Außergewöhnlich gut erhaltene Holzwaffen aus einer Fundstätte in Niedersachsen wurden bisher auf ein Alter von 300.000 Jahren datiert. Forscher halten sie nun für deutlich jünger.
Schöninger Speere, ausgestellt im Forschungsmuseum Schöningen: Die ältesten vollständig erhaltenen Jagdwaffen der Welt, aber wie alt?
Schöninger Speere, ausgestellt im Forschungsmuseum Schöningen: Die ältesten vollständig erhaltenen Jagdwaffen der Welt, aber wie alt?

Schöninger Speere, ausgestellt im Forschungsmuseum Schöningen: Die ältesten vollständig erhaltenen Jagdwaffen der Welt, aber wie alt?

Foto: MINKUSIMAGES / NLD / dpa / picture alliance

300.000 Jahre sollen die Schöninger Speere  alt sein, sie gelten damit als die mit Abstand ältesten vollständig erhaltenen Jagdwaffen der Menschheitsgeschichte. Ein internationales Forschungsteam stellt dieses Alter nun infrage. Es datiert die hölzernen Waffen aus Niedersachsen auf ein Alter von etwa 200.000 Jahren. Allerdings gibt es auch an dieser Einschätzung Zweifel.

Die Speere wurden in einem Tagebaugebiet in Helmstedt gefunden, die Stätte gilt seit den Neunzigerjahren als archäologische Sensation: 20 Jagdwaffen haben Archäologen dort ausgegraben, darunter mindestens zehn Speere, die bis zu 2,5 Meter lang sind. Hinzu kamen Dutzende Werkzeuge.

Die Funde zeigen, dass die Neandertaler, welche die Region einst bewohnten, bereits sehr versiert Waffen und andere Werkzeuge aus Holz produzieren konnten. Auf 400.000 Jahre wurde die Gesteinsschicht ursprünglich geschätzt, in der die Schöninger Speere gefunden wurden, später wurde das Alter auf 300.000 Jahre revidiert.

Diese Angaben basierten allerdings auf Altersschätzungen der darüber und darunterliegenden Ablagerungen und nicht von der eigentlichen Fundschicht, schreibt das Forschungsteam um Studienleiter Olaf Jöris vom Monrepos-Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution in Neuwied im Fachjournal »Science Advances« . Mit seinem hohen Alter habe Schöningen im Vergleich zu anderen ähnlichen Fundorten stets als Ausreißer gegolten. »Unser Datierungsresultat korrigiert diese Diskrepanz«, heißt es nun.

Experte hält neue Datierung für »sehr sicher«

Das Forschungsteam bestimmte das Alter der Fundschicht, des sogenannten Speer-Horizonts, nach eigener Darstellung erstmals direkt, und zwar mit einer sogenannten Aminosäuredatierung. Das Probematerial, das aus ausgegrabenen Sedimentblöcken stammte, enthielt kleine Süßwasserschnecken der Gattung Bithynia. Von diesen analysierten die Forschenden die Verschlusskapseln (Opercula), in denen sich Aminosäuren über Jahrtausende erhalten. So kamen sie auf das Alter von etwa 200.000 Jahren.

Fachleute arbeiten an der Ausgrabungsstätte Schöningen im Juni 2016: Über das Alter der Fundschicht lässt sich auf das Alter der Ausgrabungen schließen

Fachleute arbeiten an der Ausgrabungsstätte Schöningen im Juni 2016: Über das Alter der Fundschicht lässt sich auf das Alter der Ausgrabungen schließen

Foto: Julian Stratenschulte / dpa / picture alliance

Jöris hält diese Datierung für »sehr sicher«. Das im Vergleich zu früheren Datierungen deutlich jüngere Alter schmälere die Bedeutung der Fundstätte keineswegs, betont die Forschungsgruppe. Die ältesten vollständig erhaltenen Jagdwaffen der Welt seien die Schöninger Speere auch weiterhin. Die Funde passten nun besser zu den Erkenntnissen zum Leben und zu den Jagdstrategien der damaligen Neandertaler.

Vor 250.000 bis 200.000 Jahren, so heißt es, hätten Neandertalergruppen damit begonnen, gemeinschaftlich bestimmten Tiergruppen nachzustellen. In Schöningen hatten es die Bewohner zumindest im ausgegrabenen Bereich vor allem auf Pferde abgesehen. Auffällig sei, schreibt das Fachteam, dass die Fundschicht sehr viele Pferdeknochen enthalte, insgesamt von mehr als 50 Tieren.

Es gibt auch Zweifel an neuer Datierung

Thomas Terberger von der Universität Göttingen bewertet die neue Datierung mit Skepsis. »Es handelt sich um einen spannenden Beitrag zur Datierungsdiskussion«, betont der Archäologe gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Aber für ihn sei die Frage nach dem Alter weiter offen. Das Team räume in seinem Fachartikel selbst ein, dass das Datierungsverfahren experimentell sei.

Darauf verweist auch die Geologin Jutta Winsemann von der Universität Hannover. Zwar sei es möglich, dass der Speer-Horizont jünger sei als 300.000 Jahre, und die Arbeit leiste einen wichtigen Forschungsbeitrag. Allerdings enthalte die Studie einen großen Schwachpunkt: Sie gehe von einem alten und nachweislich falschen geologischen Ablagerungsmodell aus und benutze dieses, um das neue Alter zu untermauern.

Luftaufnahme der Ausgrabungsstätte Schöningen im Landkreis Helmstedt (Juni 2016): Archäologische Sensation

Luftaufnahme der Ausgrabungsstätte Schöningen im Landkreis Helmstedt (Juni 2016): Archäologische Sensation

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Der Datierungsexperte Tobias Lauer von der Universität Tübingen hält das Vorgehen der Gruppe um Jöris für schlüssig und sinnvoll. Allerdings sei das angewandte Verfahren keine direkte Datierung, sondern die Daten müssten kalibriert werden anhand ähnlicher Resultate, die von vergleichbaren Orten stammten, deren Alter gesichert ist. »Ich bin mir sicher, dass das noch nicht das letzte Wort ist«, sagt Lauer zu der Studie. »Dieses Resultat wird mutmaßlich nicht von allen Fachleuten akzeptiert werden.« Der Experte rechnet mit hitzigen Diskussionen, gerade wegen der überragenden Bedeutung der Fundstätte.

lki/dpa