Schwätzer, Schwindler, Schwerenöter Entdecker, die eigentlich Hochstapler waren
Im Jahr 1968 lobt die britische Wochenzeitung "Sunday Times" 5000 Pfund für jenen aus, der am schnellsten nonstop die Welt umrundet. Auch Donald Crowhurst, ein hoch verschuldeter Gelegenheitssegler, nimmt an dem Einhandyachtrennen Golden Globe entlang den großen Kaps am Antarktischen Ozean teil, das als härtestes seiner Art gilt.
Crowhurst, Vater von vier Kindern, ist 1956 unehrenhaft aus der britischen Luftwaffe entlassen worden und hält sich seitdem mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Auf seinem in letzter Sekunde fertiggestellten, mangelhaft ausgestatteten Trimaran "Teignmouth Electron" verlässt er am 31. Oktober 1968 England mit enttäuschender Geschwindigkeit. Die Funkverbindung mit ihm reißt ab, als er das Kap der Guten Hoffnung erreicht. Für 111 Tage wird nun nichts mehr von ihm gehört. Bis er wieder den Südatlantik erreicht. Er führt jetzt das Rennen an, und es sieht ganz danach aus, als werde er das Preisgeld kassieren. Doch am 10. Juli 1969 wird sein Boot gefunden, verlassen im Atlantik treibend. Nachforschungen ergeben, dass er den Atlantik nie verlassen und mutmaßlich in einem Versteck das Feld der Weltumsegler abgewartet hat. Die genauen Umstände seines Todes bleiben ungeklärt, wahrscheinlich beging er, wahnsinnig geworden, Selbstmord. Klar ist: Durch das Täuschungsmanöver auf hoher See hat er sich Ruhm und Geld erschwindeln wollen.
Bereits Jahrhunderte vor Crowhurst, in einer Zeit, da es weder Radar noch exakte Karten gab und technische Möglichkeiten zur Überprüfung von Seemannsgarn sehr viel geringer waren als heute, wurde auf den Weltmeeren gelogen, was das Zeug hielt. Vor allem Seereisende und Entdecker, aber auch Reiseschriftsteller waren nicht selten raffinierte Täuscher und Fälscher, die ihre Reputation aus reinen Fantasiegebilden bezogen. Waren niemals dort, wo sie vorgaben, gewesen zu sein. Fanden nie das, was sie angeblich entdeckten. Schmückten sich mit fremden Federn oder schmuggelten Gold unter wertloses Gestein. Und jeder hatte seine eigenen Gründe für den Betrug: Geldgier, erhoffter Ruhm oder auch nur, um zu Hause Ärger aus dem Weg zu gehen. Einigen fiel es wahrscheinlich wirklich schwer, zwischen tatsächlich Erlebtem und ihrer ausgeprägten Einbildungskraft zu unterscheiden. Und nicht selten ging es um die Gunst der Königshäuser.
Kolumbus zum Beispiel. Segelt 1492 ins Blaue hinaus und trifft ins Schwarze ohne es zu wissen. Zuvor hat er so ziemlich alles falsch berechnet, was man nach damaligem Wissensstand falsch berechnen kann. Kolumbus versteht viel von umlaufenden Winden, aber mit den Breitengraden hat er stets ein Problem. Erstaunliches leistet er vor allem damit, dass er sich selbst den Auftrag des spanischen Königspaars zuschanzt, den Seeweg nach Indien zu finden. Hätte er, seiner eigenen Annahme entsprechend, wirklich bis nach Japan, dem "östlichsten der indischen Lande", segeln müssen, wäre er mit Sicherheit verschollen. Doch dann landet er auf den Bahamas und erklärt ebenso beherzt wie ahnungslos Indien für erreicht. Auf seiner zweiten Reise ist er auch nicht besser orientiert. Diesmal hält er Kuba für asiatisches Festland. Seinem Ruf schadet dies kaum. Bis heute wird er in amerikanischen Schulbüchern "der wichtigste Mensch der Weltgeschichte" genannt. Doch genau besehen war Kolumbus alles andere als ein Ehrenmann. Ein Betrüger, eitel, habgierig, brutal, egozentrisch und erfinderisch, wenn es um seine Vita geht. So unternimmt er alles, um die Tatsache zu vertuschen, dass sein Vater ein armer Wollweber ist. Er spricht von adligen Ahnen und davon, dass er nicht der Erste seiner Familie sei, der als Admiral die Meere befahre. Den Beweis bleibt er schuldig. Nicht wenige nennen ihn dafür einen Lügner.
Der aktuellen Geschichtsforschung ebenfalls nicht standhalten kann die heldenhafte Ausschmückung, mit der er seine Ankunft in Portugal ins beinahe Mythische zu erhöhen versucht: Seegefecht mit Piraten, Feuersbrunst auf der angegriffenen Galeasse, Untergang des Schiffes und Selbsterrettung an die nahe Küste, wo ihn genuesische Landsleute aufnehmen, dies alles entspringt vermutlich weitgehend seiner Fantasie. Die Wirklichkeit dürfte sehr viel weniger aufregend gewesen sein. Aber Kolumbus ist auf Wirkung bedacht. Er muss beeindrucken, wenn er das Geld für seine Expeditionen zusammenkriegen will.
In Portugal sieht man ihn nüchtern: Die Ratgeber des Königs halten Kolumbus für "einen großen Schwätzer, einen Fantasten und Träumer", wie der Hofchronist João de Barros notiert. Die Portugiesen suchen auf der Ostroute um Afrika herum einen Seeweg nach Indien, Kolumbus will es über die Westroute versuchen. Also wirbt er nun beim spanischen Königshaus für seine Pläne.
Dabei kommt ihm zugute, dass er von einer geheimen Weltkarte weiß, die Don Pedro, Bruder des portugiesischen Prinzen Heinrich des Seefahrers, 1428 aus Venedig nach Portugal brachte und auf der unter anderem das Kap der Guten Hoffnung und die Magellanstraße im Süden Südamerikas dargestellt sind. Die spanische Krone kennt jene Karte nicht, und diesen Umstand nutzt er für sich. Kolumbus steht unter Zeitdruck, denn die Ostroute ist die deutlich kürzere, aber fest in portugiesischer Hand. 1488 berichtet ihm zudem sein Bruder aus Portugal, dass es Bartolomeu Dias gelungen ist, das Kap der Guten Hoffnung zu umsegeln. Den Portugiesen steht damit der Seeweg nach Indien offen.
Geld, Ruhm, ein Platz in den Geschichtsbüchern - der Triumph heiligt die Mittel
Kolumbus entwickelt mit seinem Bruder Bartholomäus, Kartograf am portugiesischen Hof, einen riskanten Plan: Heimlich schafft Bartholomäus eine Kopie der Karte nach Spanien ein Geheimnisverrat, auf den damals die Todesstrafe steht und setzt sich 1489 zu seinem Bruder ab. Dort verfälscht er die Entfernung zwischen Lissabon und der Ostküste Chinas, sodass eine Reise nach China auf dieser Route fast unmöglich erscheint. Mit eben jener Fälschung gelingt es, das Königshaus und die Bank San Giorgio in Genua zur Finanzierung der Reise zu gewinnen. Die "Entdeckung" Amerikas durch Kolumbus gründet also auf Fälschung und Betrug.
Die Geschichte rächt sich an Kolumbus, indem er bis zu seinem Tod gar nicht weiß, dass er Amerika erreicht hat. Aber entdeckt war es sowieso schon vorher. Erst der Florentiner Amerigo Vespucci kommt zu dem Schluss, Kolumbus Reisen hätten nicht an die Ostküste Asiens, sondern zu einem neuen Kontinent geführt.
Allerdings verschweigt er im Stil der Zeit, auch nicht eben gentlemanlike seine Erkenntnis und lässt sich erst einmal selbst als Entdecker feiern. Was ihm, obwohl sich der Name Amerika bis heute beharrlich hält, auch nicht zusteht. Rund 500 Jahre zuvor war bereits der Wikinger Bjarne Herjolfsson dort gewesen.
Vielleicht ist es ja nicht gerecht, aber gemeinhin legt man bei Entdeckern und Forschern höhere Maßstäbe an als bei jenen, die nur zur Unterhaltung über ihre Reisen schrieben. Natürlich bewegten sich die frühen Reiseschriftsteller oft auf einem schmalen Grat. Ein journalistischer Kodex war noch nicht gefunden, und so war es an der Tagesordnung, der Würze halber Details hinzuzudichten, ein wenig auszuschmücken, wenn die Realität zu dürftig erschien, großzügig zu erfinden, wenn es dem Ergebnis diente. Heute ist man eher geneigt, nachsichtig zu schmunzeln, wenn etwa der Franziskanermönch John of Marignolli in einem Reisebuch des 14. Jahrhunderts, das er über den Nahen Osten schreibt, mit erstaunlicher Zielgenauigkeit ausgerechnet über Adams Haus gestolpert sein will, in das sich der erste Bewohner der Erde zurückgezogen hatte, nachdem er aus dem Garten Eden vertrieben worden war. Außerdem will er seinen Fußabdruck gefunden haben und einen ganzen See aus Tränen des reuigen Paares Adam und Eva.
Doch seine Schilderungen sind nichts im Vergleich mit dem, was sein Kollege John Mandeville aus den exotischen Ländern der Welt zusammenträgt. Dabei gibt es eigentlich nur sehr wenig, was man über John Mandeville auch Jean, Jan, Hans, Maundeville, Montevilla oder Mandavilla mit Sicherheit weiß. Durch mehrere Quellen bestätigt ist: John Mandeville hieß eigentlich Jean de Bourgogne genannt à la Barbe, der Bärtige, und er war Engländer. Lange Zeit gilt er als der Reisende des Mittelalters, der 1356 das erfolgreichste Reisebuch seiner Zeit verfasst.
Neben dem Heiligen Land, das er 1322 für eine Pilgerfahrt bereist, führen ihn seine Wege unter anderem nach China, Indien, Java und Sumatra eine Behauptung, an der die "Encyclopædia Britannica" und das "Dictionary of National Biography" später erhebliche Zweifel . Sir John Mandeville ist eine mysteriöse Persönlichkeit, eine Mischung aus Fantast, Schelm und Gelehrtem. Zu seiner Zeit nimmt man ihn jedoch nicht minder ernst als Marco Polo. Allerdings lesen sich seine Reiseschilderungen bei Weitem schmissiger. Lange glaubt man Mandeville, wenn er von dem Reich Abthas fabelt und einer Provinz Buonavison, die niemand zu betreten wagt, weil sie ganz mit Nebel bedeckt ist, aus dem nur manchmal Pferdewiehern und Hähnekrähen klingt; von einem gewaltigen Sandmeer, in dem Fische leben; vom Tal der Gefahren am Strome Frison, das voll von Dämonen und bösen Geistern ist; von der Insel Fracan, deren Bewohner sich vom Duft wilder Äpfel ernähren; von einem Großchan, der sich zehntausend Elefanten und zehntausend Adler in goldenen Räumen hält.
Doch heute ist sicher: Der große Reisende hat Europa nie verlassen. Durch aufwendige Quellenstudien konnte schon im 19. Jahrhundert nachgewiesen werden, dass Mandeville keine einzige der geschilderten Episoden selbst erlebt hat. Allerdings weiß man inzwischen recht genau, welche Werke ihm als Vorlage dienten. Mandevilles Reisen fanden in der Bibliothek statt. Indem er die verschiedenen Berichte über den Orient sinnfällig zusammenleimte, gelang es ihm, dass sein tolldreistes Buch durch mehrere Jahrhunderte hindurch als das erhabene Zeugnis eines kühnen, gewaltigen Geistes betrachtet wurde.
Je ferner, je unbekannter, desto besser
Drückt man ein Auge zu, kann man es natürlich auch anders sehen: Sein Bericht ist nichts weniger als eine Zusammenfassung des damaligen Wissens über die Welt, die Summe aller Reiseberichte des späten 13. und frühen 14. Jahrhunderts und damit gewissermaßen eine Enzyklopädie des Reisens im Spätmittelalter.
1875 hatte man bereits ganz gute Vorstellungen von der Geografie der Welt, wer jetzt Unüberprüfbares behaupten wollte, musste sich weit weg begeben, zum Beispiel nach Neuguinea im Westpazifik. Und ein Mann, der darüber zu berichten wusste wie kein anderer, war Captain J. A. Lawson, der seine ungeheuerlichen Streifzüge ins Innere der zweitgrößten Insel der Welt immerhin beim renommierten Londoner Verlag Chapman and Hall veröffentlichte. Lawson macht hier nach eigenen Angaben in nur sieben Monaten mehr Entdeckungen als jeder andere zuvor: Er findet einen Wasserfall, riesiger als die des Niagara, einen Vulkan, weitaus höher als der Ätna, etliche Gebirge, die er durchstreift, und zwei gewaltige Flüsse, die er mit patriotischem Gestus "Royal" und "Gladstone" nennt. Als er einen Gipfel besteigen will, den er als fast 1200 Meter höher beschreibt als den Mount Everest, sieht er sich gezwungen umzukehren, da, wie er bildhaft beschreibt, Blut aus seiner Nase und den Ohren zu sickern beginnt. Eine Feststellung, die er, wäre sie wahr gewesen, wohl mit seinem Leben hätte bezahlen müssen.
Ein Jahr nachdem jene spektakulären Wanderungen veröffentlicht wurden, publiziert ein französischer Segler, Louis Trégance, seine Abenteuer in Neuguinea, das sich damals wegen seiner weitgehenden Unbekanntheit offenbar als besondere Spielwiese der Fantasie anbietet. Er gibt an, dass er an der Nordküste zusammen mit zwei anderen Seeleuten schiffbrüchig wird, die von Kannibalen auf Steinplatten lebendig gekocht werden. Er wird gerettet von einem freimaurerischen Priester, überquert die Küsten und endet in einem Königreich, Kootar genannt, wo die Soldaten fremde Länder, fremde Sitten Schilde aus purem Gold tragen. Fünf Jahre lebt er als Sklave in Goldminen, bevor es ihm gelingt, unter Todesgefahren zur Küste zu fliehen. So etwas liest sich bis heute spannend und fand schon damals seine sensationshungrigen Leser.
Eigentlich gebührt Frederick Albert Cook ein eigenes Kapitel, denn niemand anders als er hat mehr Anrecht auf den Titel "König der Hochstapler". Der deutschstämmige Arzt und angebliche Arktisentdecker wurde bereits 1909 als Betrüger entlarvt. 1906 will er der Erste gewesen sein, der den Gipfel des Mount McKinley erreicht hat, zwei Jahre später behauptet er dasselbe über den Nordpol. Doch weder hat er den höchsten Berg Nordamerikas bestiegen noch je den Nordpol erreicht. Dabei genießt Cook lange Zeit höchstes Ansehen. 1898 bis 1899 hat er wesentlichen Anteil am Überleben einer im Südpoleis festgefahrenen Expedition, indem er die Crew überzeugen kann, rohes Fleisch zu essen. Während des Winters im Eis erfindet Frederick Cook verbesserte Schutzbrillen, entwickelt ein Tranlicht und konstruiert Zelte. Im Jahr 1900 gibt er sein Buch über die Expedition "Belgica" heraus, mit dem er berühmt wird.
Cook hat sich mit diesen beiden Expeditionen in Grönland und in der Antarktis einen weltweit guten Ruf erworben, den er bald zu ruinieren beginnt: Nachdem Cook seine Besteigung des Mount McKinley mit einem Foto belegt, auf dem er und seine Bergsteigergruppe eine Flagge hissen, wird er von der National Geographic Society geehrt. Doch bald kommen Zweifel auf, weil sich auf dem wirklichen Berg eine sechs Meter dicke Eisschicht befindet, Cooks Belegfoto überraschenderweise jedoch komplett eisfrei ist. Spätere Nachforschungen ergeben, dass Frederick Cooks Gruppe sich auf einem Gipfel weit unterhalb des Mount McKinley auf nur 2000 Meter Höhe befunden hat und er, um ein wenig Glanz in eine eher glanzlose Tat zu bringen, seinen Bergführer bestochen hat. Der sagt allerdings bald mit einer eidesstattlichen Erklärung zu Cooks Ungunsten aus.
Im selben Jahr, 1908, geht Cook, auch um sich weiteren Fragen nach dem gefälschten Foto zu entziehen, auf große Tour: Der Nordpol ist sein erklärtes Ziel. Mit zwei Inuit unternimmt er eine längere Wanderung in der Arktis. Für das Vorhaben entwickelt er einen leichten Spezialschlitten, der auch als Boot gebraucht werden kann, um Wasserrinnen im Eis zu überwinden. Bei der Rückkehr behauptet er, den Nordpol erreicht zu haben, bleibt aber den Beweis schuldig. Sein Rivale Robert Peary, der bei Polexpeditionen acht Zehen durch Erfrieren und Amputation verloren hat, bezichtigt ihn der Lüge und diskreditiert ihn nachhaltig.
Dass Cook in der Arktis unterwegs war, wird heute kaum noch angezweifelt. Allerdings gilt als gesichert, dass er sich dabei niemals dem Nordpol auch nur genähert hat. Hätte er es tatsächlich gewagt, zum Pol zu wandern, wäre er, bei der überlieferten Ausrüstung, mit größter Wahrscheinlichkeit Hungers gestorben. Schon 1910 wird Cook nach Prüfung seiner Aufzeichnungen die Entdeckung des Nordpols aberkannt. Die ebenso beeindruckende wie anhaltende Betrugskarriere Cooks endet, als er in Texas Ölprospektoren übers Ohr haut, wofür er zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt wird. Als er 1940, von US-Präsident Franklin D. Roosevelt begnadigt, stirbt, bleibt er als großer Täuscher seiner Zeit in Erinnerung.
Der Berliner Reporter Andreas Wenderoth, 43, hat eine Schwäche für Menschen, die ihrem Leben, der Unterhaltung wegen, ein paar beherzte Details hinzufügen. Er selbst fühlt sich jedoch stets den Fakten verpflichtet. Manche seiner Freunde halten ihn deshalb für einen Spießer.