Security-Messe: Technik gegen die Todesangst - DER SPIEGEL
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Security-Messe Technik gegen die Todesangst

Sicherheitstechnik boomt in Deutschland. Aktuell der Renner: Anti-Terror-Arsenale für den Alltag - mit Wachrobotern, splittersicherem Glas und Fingerscannern. Bei ihrer Messe in Essen freut sich die Branche auch darüber, dass George W. Bush Islamisten so ein klares Feindbild bietet.
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Wäre der Wächter ein Mensch gewesen, kein Einbrecher hätte ihn ernst genommen: 1,40 Meter klein und 65 Kilogramm leicht ist der Gnom mit dem nicht eben Furcht einflößenden Namen "Ofro". Doch der Zwerg war nicht allein: Er hatte 20 seiner Kameraden dabei. Und Menschen waren sie alle nicht.

Mit "Ofro" und seinem Indoor-Kollegen "Mosro" kamen erstmals bei einer Massenveranstaltung Sicherheitsroboter zum Großeinsatz. Bei der Fußball-WM patrouillierten allein um das Berliner Olympiastadion 20 "Ofros" und fahndeten mit Videokameras, Radargeräten, Wärmebildkameras, Temperatur- und Biosensoren sowie Geigerzählern nach Verdächtigem.

"Britskrieg" mit Mini-Panzern

Die Herstellerfirma Robowatch durfte sich nicht nur über lukrative Aufträge freuen, sondern auch über internationale Publicity: Kaum war der Roboter-Einsatz bekannt, warnte das englische Boulevardblatt "Sun" vor einem "Britskrieg" mit Mini-Panzern, die Attacken auf Fußballfans von der Insel fahren. So wurde die Fußball-WM nicht nur für Fans und einen Filmregisseur zum Sommermärchen, sondern auch für die Sicherheitsbranche.

Die WM ist eine schnell verblassende Erinnerung - die märchenhaften Zustände für die Hersteller von Schutztechnik halten an. Auf der Messe "Security 2006" in Essen, die am heutigen Freitag endet, haben mehr als 1000 Unternehmen ihre Produkte präsentiert: so viele wie noch nie. Erstmals gehörte auch eine Sonderschau mit dem martialischen Titel "Technology against Terror" dazu.

Allein in der elektronischen Sicherheitstechnik legt der Branchenumsatz "seit Jahren kontinuierlich um drei bis vier Prozent pro Jahr zu", sagt Urban Brauer, Geschäftsführer des Bundesverbands der Hersteller- und Errichterfirmen von Sicherheitssystemen (BHE).

"Fressneid" der Europäer

Zwar gab es in Deutschland bisher keinen Anschlag, doch schon der von US-Präsident George W. Bush ausgerufene Krieg gegen den Terror lässt die Sicherheitsbranche boomen. "Wir verdanken der Regierung Bush einen großen Teil unserer Existenzberechtigung", sagt Robowatch-Geschäftsführer Jens Hanke. Die USA vergäben Aufträge in Sachen Anti-Terror-Technik kaum an ausländische Unternehmen. Aber Washingtons gewaltige Investitionen hätten den "Fressneid" der europäischen Regierungen ausgelöst. So sei Bushs Politik indirekt zum Förderprogramm für die europäische Sicherheitsindustrie geworden.

Die verheerenden Anschläge in London und Madrid hätten ein Übriges getan. "Das hat noch einmal einen messbaren Schub ausgelöst", sagte Hanke im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Es klinge zwar zynisch, "aber ohne diese Anschläge gäbe es diese Halle nicht", sagt er und deutet ins Rund der "Technology against Terror"-Schau.

Die Terrorangst beflügelt die Forschung in der Sicherheitstechnik. So gibt Robowatch Hanke zufolge rund die Hälfte seiner Mittel für Forschung und Entwicklung aus. Auch abseits der Privatwirtschaft müht man sich plötzlich um Innovationen. Aus Hochschulen und staatlichen Forschungsinstituten dringen nahezu täglich Meldungen über neue Sprengstoff- und Biowaffen-Sensoren, Kriegsgerät für den Anti-Terror-Feldzug, Technik zur Videoüberwachung und Software für den Kampf gegen Internet-Terroristen.

Gigantische Wachstumsprognosen

Besondere Hoffnung setzen Unternehmen in die Entwicklung biometrischer Überwachungssysteme. Analysten sehen in der Branche gigantische Wachstumschancen von bis zu 35 Prozent pro Jahr. Behörden, Firmen und Privatleute werden sich in den kommenden Jahren die Erkennung von Fingerabdrücken, Gesichtern, Augen und Stimmen Milliarden kosten lassen.

Die Politik liebt Systeme, die Terroranschläge von vornherein verhindern sollen und damit das Sicherheitsgefühl der Öffentlichkeit erhöhen können. "Wir müssen die Technik immer weiter optimieren", sagte Ex-Innenminister Otto Schily, bekennender Freund der elektronischen Überwachung, auf der "Security 2006". Bedenken von Datenschützern wischt der SPD-Politiker in bekannter Manier beiseite: "Ich habe nichts gegen kritische Anmerkungen. Aber man sollte keine Gespensterseherei veranstalten." Schließlich sei es kostengünstiger, Anschläge zu verhindern statt die Folgen zu beheben.

Bei den Profis der Sicherheitsbranche ist der Realismus ausgeprägter: Vielen geht es eher um Schadensbegrenzung als um umfassende Vorbeugung. Immer wieder ist deshalb zum Beispiel die Rede davon, Gebäudefassaden mit Verbundglas zu versehen, das weniger schnell splittert.

Nach Erkenntnissen des britischen Inlandsgeheimdienstes MI5 sind herumfliegende Glassplitter für mehr als die Hälfte aller Toten und Verletzten bei Explosionen verantwortlich. "Bei dem Bombenanschlag auf das US-Regierungsgebäude in Oklahoma wurden noch 250 Meter entfernt Menschen verletzt, weil die Fensterscheiben in die Gebäude flogen", sagt Ulrich Greiwe.

Flugzeugsicheres Hochhaus

Der Sicherheitsberater war unter anderem an der Planung eines Hochhauses der Hochtief AG beteiligt, das nicht nur Bomben, sondern gar dem Einschlag eines Verkehrsflugzeugs widerstehen soll. Die Fassade besteht aus einem Tetraeder-Fachwerk. "Wenn einige Streben von einem auftreffenden Flugzeug durchtrennt werden, wird das Gewicht des Gebäudes auf die umliegenden Streben verteilt", sagt Greiwe. "Die Kräfte werden umgeleitet." Den Türmen des World Trade Centers wurde das Fehlen dieser Eigenschaft zum Verhängnis: Unter der enormen Hitze des Feuers knickten die Stahlträger ein. Eine Decke knallte auf die nächste, die Türme sanken in einem Dominoeffekt zu Boden.

Das Know-how für das flugzeugsichere Hochhaus, das neben seinem besonderen Skelett zahlreiche weitere Schutzvorrichtungen besitzt, kommt zum Teil aus dem Bau von Atomkraftwerken. "Bis zum 11. September 2001 wäre niemand darauf gekommen, diese Technik auch bei zivilen Hochhäusern anzuwenden", sagt Greiwe. "Man hätte gesagt, dass da nur ein unverkäuflicher Bunker herauskommt."

Inzwischen denke man anders. Zunehmend werde in schwingend gelagerte Fenster und Fassadenelemente investiert, in Spezialglas und besseren Brandschutz. "Anschläge mit Flugzeugen sind wegen der starken Sicherheitsmaßnahmen unwahrscheinlich geworden", sagt Greiwe. Wichtiger sei zum Beispiel der Detonationsschutz. "Bei einer Explosion gibt es einen Red Spot, in den nun einmal nichts stehen bleibt. Aber man kann versuchen, so viele Menschen wie möglich zu retten."

Bisher siegt oft das Kostendenken

In Deutschland bleibe es jedoch meist bei eher sparsamen Maßnahmen. "Oft siegt das Kostendenken. Das wird sich wohl erst mit dem ersten schweren Terroranschlag in Deutschland ändern." Greiwe hat früher bei der Elitetruppe GSG 9 Taktiken und Techniken der Terrorbekämpfung erlernt und erstellt jetzt für Unternehmen Schutzkonzepte. Er spricht von "Sicherheitsinseln": "Oft wird hier eine teure Videoanlage installiert und dort Wachpersonal bestellt. Aber das nützt nichts, wenn anderswo Lücken klaffen." Zu oft fehle Geld für besseren Schutz.

Dass sich das allerdings allmählich ändert, zeigt der Boom der Sicherheitstechnik. Was die Terrorangst für Forschung und Hightech-Unternehmen so profitabel macht, ist die neue Art der Bedrohung. Im Kalten Krieg war die Schutztechnik gegen einen Atomkrieg den Regierungen, dem Militär und reichen Käufern von Privatbunkern vorbehalten. Der Terrorismus aber ist eine potentielle Bedrohung in allen Lebenslagen und für alle.

Und diese wird so schnell nicht verschwinden. Robowatch-Geschäftsführer Hanke vertraut da ganz der Außenpolitik der US-Regierung. "Solange es in der islamischen Welt ein klares Feindbild gibt, wird es weitergehen."

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