Selbstloses Hirn Menschen mögen auch Zwangsspenden
"Wenn die Befriedigung beim Steuernzahlen ausbleibt, muss man sich noch lange nicht schlecht fühlen", tröstete Ulrich Mayr - was viele Bürger nicht arg überraschen dürfte, wäre da nicht der Beitrag des Kognitionspsychologen im renommierten Wissenschaftsmagazin "Science". Das lässt durchaus staunen: "Wir fanden heraus, dass verpflichtende, steuerähnliche Transfers für einen wohltätigen Zweck neuronale Aktivität auslösen, die in Verbindung zu einem Belohnungsprozess stehen", so der Wissenschaftler.
Forschung, Fiskus und Fun? Eine ungewöhnliche Verbindung. Zumindest das Magazin "New Scientist" flötete: "Steuernzahlen ist eine freudvolle Pflicht". Der Nachrichtensender CNN titelte etwas zurückhaltender: "Wohltätigkeit gibt dem Gehirn den Kick". Der britische "Independent" wurde konkreter: "Geld zu verschenken gibt Dir ein besseres Gefühl - besonders wenn Du eine Frau bist." Der Onlinedienst MSNBC verstieg sich gar zu der Aussage: "Für Dein Gehirn ist Altruismus so gut wie Sex". Zwar behaupten Mayr und seine Kollegen, zwei Ökonomen von der University of Oregon und vom National Bureau of Economic Research in Cambridge, nicht wirklich, dass Steuernzahlen Spaß macht. Doch in jeder der bunten Überschriften steckt ein Körnchen Wahrheit.
Mayr und seine Kollegen haben 20 Studentinnen der University of Oregon zum Experiment gebeten: Sie mussten obligatorisch und freiwillig Geld spenden, während sie in einem Tomografen mit einem drei Tesla starken Magneten lagen. Die Maschine zeichnete dabei die Aktivität in bestimmten Gehirnbereichen auf. Im Caudate Nucleus und im Nucleus Accumbens konnten die Forscher Aktivität feststellen. Beide sind als Lustzentren im Denkorgan bekannt.
Steuer und Spende - hinterher entschied das Los
Der Versuchsaufbau war recht schlicht: Die Probandinnen betrachteten einen Bildschirm, auf dem ihr imaginäres Bankkonto (mit einem Startbetrag von 100 US-Dollar) und das Konto einer örtlichen Wohltätigkeitsorganisation angezeigt wurden. In jeder Runde des Versuchs mussten die Teilnehmerinnen eine obligatorische Spende machen und konnten darüber hinaus einen zweiten Betrag als freiwilligen Obolus entrichten. Das Computerprogramm loste am Ende der Runde aus: Entweder der Pflichtbetrag oder das freiwillige Schärflein wurden für den guten Zweck umgebucht - und die Teilnehmerinnen konnten die jeweilige Kontobewegung mitverfolgen.
Die Reaktion im Belohnungszentrum des Gehirns war besonders stark, wenn ein freiwilliger und kein obligatorischer Betrag umgebucht wurde. Zunächst schließt Forscher Mayr daraus, dass man anhand einer solchen Versuchsanordnung herausfinden kann, ob eine Person eher freigiebig oder geizig ist. "Unsere Forschung zeigt vor allem, dass wir Egoisten und Altruisten auf Grund der Aktivierung in Belohnungsarealen unterscheiden können", sagte Mayr zu SPIEGEL ONLINE.
Das mag für Forscher ebenso faszinierend wie lehrreich sein, doch Laien fragen sich: Warum blitzt das Hirn auch bei Zwangsabgaben freudig auf? Denn das ist die wirklich überraschende Einsicht in der "Science"-Studie (Bd. 316, S. 1622).
Die Belohnungsareale im Mittelhirn sind für Feedback bei wirklich grundlegenden Bedürfnisse des Menschen zuständig - wie Essen, Sex, Unterkunft und soziale Nähe. Dass Menschen beim Verzicht auf eigene Vorteile ohne Aussicht auf konkrete Gegenleistung dort dennoch Belohnung empfinden können, werten die Forscher als Beleg für die Existenz des reinen Altruismus und seine Bedeutung beim Spenden.
Laborsituation versus Steuerpflicht
Nur scheinbar tut sich hier ein Widerspruch zwischen Experiment und eigener Erfahrung (Steuernzahlen macht keinen Spaß) auf. Denn um von dem Labor in Oregon aufs echte Leben zu schließen, müsste man viel weiter verallgemeinern, als der Versuch es tatsächlich zulässt: Im Labor gingen die obligatorischen Abgaben scheinbar an eine lokale Hilfsorganisation zur Speisung von Bedürftigen. Soziale Erwägungen wie der Vergleich mit anderen Spendern (Wer gibt wieviel? Was gebe ich?) spielten keine Rolle. Und das imaginäre Geld für den Versuch wurde auch nicht den Probanden selbst aus der Tasche gezogen.
"Mit unseren experimentellen Methoden könnte man nun untersuchen, welche Faktoren entscheidend wären für ein Steuersystem, dass unser Belohnungsareal im Mittelhirn anspricht", sagte Mayr. Dass die Belohungszentren in den Hirnen auch bei den Zwangsspenden aufleuchteten, könnte indes auch dem arg idealisierten Versuchsaufbau im Labor geschuldet sein. Das sei nun mal "in ökonomischen Experimenten üblich", meinte Mayr.
Dass im wirklichen Leben der Spaß am Steuernzahlen weniger stark ausgeprägt ist, liege wohl an einem Mangel der "wahrgenommenen Fairness des Steuersystems", an "möglicherweise fehlender Transparenz" oder daran, dass Steuerzahler im Gegensatz zu den Probanden einfach nicht so genau wüssten, wofür ihr Geld eigentlich verwendet werde.
stx