Sparprogramm für Eltern: Warum Kinder langsam wachsen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Sparprogramm für Eltern Warum Kinder langsam wachsen

Eltern mögen es mitunter als quälend empfinden, dass ihre Kinder mehr als ein Jahrzehnt brauchen, ehe sie zumindest körperlich erwachsen sind. Doch Forscher haben jetzt ausgerechnet, dass das menschliche Wachstum ein wahres Energiesparprogramm ist.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Was der Natur Recht ist, kann Eltern nur billig sein. Und in der Tat: Wenn Väter und Mütter das Heranwachsen ihrer Kleinen als nie enden wollende Phase der Mühsal und horrender Kosten empfinden, liegt das vor allem daran, dass sie nie richtig nachgerechnet haben.

Michael Gurven von der University of California in Santa Barbara und sein Kollege Robert Walker haben das jetzt getan, und siehe da: Im Vergleich etwa mit Schimpansen haben es menschliche Eltern vergleichsweise gut.

Das mag zunächst überraschen, denn das Wachstum des Menschen unterscheidet sich von dem aller anderen Primaten: Menschenkinder wachsen in der Zeit zwischen dem Abstillen und dem Einsetzen der Pubertät ziemlich langsam und erreichen dann in einem pubertären Wachstumsschub schnell ihre endgültige Größe.

Während des verzögerten Wachstums müssen die Eltern den Kindern genügend Nahrungsenergie besonders für das Gehirnwachstum und das Erlernen verschiedener Fähigkeiten bereitstellen, die sich später in erhöhter Produktivität auszahlen. Kurz gesagt: Bis die Kinder sich nützlich machen können, futtern sie ihren Erzeugern erstmal jahrelang das Fleisch vom Teller.

Menschliches Wachstum hilft beim Sparen

Ein wahrer Tort für die Eltern, insbesondere in Zeiten, als die Menschen noch keine Nudeln im Supermarkt kaufen, sondern das Mammut in der Steppe erlegen mussten. So etwas kostet Kalorien, und ein lange abhängiger Nachwuchs ist da keine Hilfe.

Aus diesem Grund habe sich im Lauf der Evolution das ungewöhnliche Wachstumsmuster entwickelt: Es helfe den Eltern, die Kinder optimal mit Nahrung zu versorgen, schreiben Gurven und Walker im Fachblatt "Proceedings of the Royal Society: Biological Sciences".

Die Forscher berechneten, wie viele Kalorien Eltern in ihren Nachwuchs investieren müssen und verglichen dabei die Kosten-Nutzen-Rechnung bei unterschiedlichen Wachstumskurven: der typisch menschlichen, einer linearen und der von Schimpansen, die ihren Wachstumsschub sehr früh bekommen.

Erst lernen, dann jagen

Das Ergebnis: Die menschliche Wachstumskurve ist eindeutig die, bei der die Eltern die meiste Energie sparen. Bei einem linearen Wachstum müssten die Eltern, abhängig von der Kindersterblichkeit und der Fruchtbarkeit, bis zu 6 Prozent mehr Energiebedarf bei den Kindern einkalkulieren. Bei einem schimpansenähnlichen Wachstumsverlauf wären demnach gar 44 Prozent mehr Kalorien fällig.

Beim Menschen mit seiner aufwendigen und komplexen Jagdstrategie zahlt es sich nicht aus, sehr früh sehr groß zu sein, schreiben die Forscher. Ein größeres Gehirn und längere Zeit zum Lernen seien dagegen sehr von Vorteil. Sie vermuten, dass sich die menschliche Wachstumskurve im Lauf der Evolution als optimal für die Kombination von großem Hirn und maximaler Fruchtbarkeit erwiesen hat: Lange lernen, dann plötzlich groß werden und die klugen Jagdtaktiken anwenden.