Sprachstudie Ist Grammatik angeboren?
Wissenschaftler streiten schon lange darüber, wie Menschen Sprache erlernen. Manche Experten glauben, dass grammatikalische Fähigkeiten zu großen Teilen physisch im Gehirn verankert sind, während andere davon ausgehen, dass Sprache nahezu ausschließlich kulturell vermittelt wird. Das Problem ist schwierig lösbar, da gesprochene Sprachen uralt sind und ihre Entwicklung kaum detailliert nachvollzogen werden kann.
Anders verhält es sich bei Gehörlosensprachen. Eine internationale Forschergruppe um Ann Senghas von der Columbia University in New York führte eine Studie an einer Schule für gehörlose Kinder in Nicaragua durch. In dem lateinamerikanischen Land existieren erst seit etwa 30 Jahren Schulen für Gehörlose, weshalb die Forscher sich einen grundsätzlichen Einblick in die Entstehung einer Sprache erhofften.
Die Beobachtungen stärken die Annahme, dass die Grundlagen für den Spracherwerb tatsächlich angeboren sind. An einer Gehörlosenschule, die 1981 öffnete, entwickelten die Kinder ohne äußeren Einflüsse eine zunächst krude Zeichensprache, die sich mit der Ankunft immer neuer Schüler zu einem ausgefeilten Kommunikationssystem entwickelte. Es weise die gleichen Züge auf, die in nahezu allen anderen Sprachen auftauchen, erläutern Senghas und ihre Kollegen im Wissenschaftsmagazin "Science" (Ausg. 305, S. 1779) - egal, ob es sich um gesprochene oder Zeichensprachen handelt.
In einem Experiment zeigten die Forscher den Schülern einen Cartoon, in dem eine Katze eine Bowlingkugel verschluckt und einen Abhang herunterrollt. Anschließend sollten die Probanden die Szene mit eigenen Worten wiedergeben. Die ältere Gruppe der Gehörlosen, die ursprünglich die einfache Form der Zeichensprache erlernt hatte, beschrieb das Herunterrollen meist in einer Bewegung. Sie glich der Geste, die auch einige der sprechenden Teilnehmer verwandten. Die jüngeren Probanden trennten dagegen Art und Richtung des Vorgangs in zwei aufeinander folgende Bewegungen - genau wie bei der Beschreibung in gesprochener Sprache, die "herunter" und "rollen" als zwei getrennte Begriffe darstellt.
"Was die Jüngeren getan haben, ähnelt eher Sprachen als Gesten, obwohl sie für ihre Beschreibung Gesten verwenden", erklärt Senghas. Aus Sicht der Wissenschaftler suchen Kinder automatisch nach Regeln, um Sprachen zu präzisieren. Alles um die Kinder herum vermittle ihnen, dass die Art ("rollen") und die Richtung ("herunter") zusammengehören.
"In der Szene läuft beides ebenso gleichzeitig ab wie in der Geste eines Erzählers. Dennoch wählen sie den aufwändigeren Weg einer unabhängigen Beschreibung", sagt Senghas. Das entspreche der Entwicklung aller Sprachen: Kinder zerteilten Informationen instinktiv in kleine Stücke, die sie anschließend neu zusammenfügen könnten. Aus der Sicht der Forscherin ist das Erlernen einer Sprache bei Kindern deshalb durchaus mit dem Erlernen des Laufens vergleichbar.