Therapie: Töne gegen Tinnitus - DER SPIEGEL
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Therapie Töne gegen Tinnitus

Bislang war die Heilkunde machtlos gegen Ohrgeräusche. Eine neue Therapie könnte womöglich helfen: Mithilfe von Hör-Übungen kann das Klingeln und Brummen im Kopf bekämpft werden.
Von Annette Bolz
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Manche hören nur ein leises Fiepen. Andere tragen ständig eine kreischende Kreissäge im Kopf herum. Dabei handelt es sich nicht um Halluzinationen, sondern um den gefürchteten Tinnitus. Etwa jeder zehnte Deutsche hat schon einmal in seinem Leben unter den Geräuschen gelitten, die aus dem eigenen Ohr stammen. Diejenigen, die das Brüllen und Wüten extrem laut und vor allem immer - auch im Schlaf - hören, führt der Tinnitus oft zur Verzweiflung. Sie können sich nicht mehr konzentrieren, leiden unter Schlafmangel, werden ängstlich und schließlich depressiv.

Eine Heilmethode gab es bislang nicht. Nun probieren Wissenschaftler an der Berliner Humboldt-Universität ein neues Verfahren aus, das einigen Erfolg verspricht. Die Therapie besteht aus einem einfachen, vierwöchigen Hörtraining. Die Tinnitus-Opfer bekommen einen Computer nebst Programm mit nach Hause. Dort sollen sie zwei Stunden pro Tag Paare von Tönen miteinander vergleichen.

Warum Hörübungen beim Tinnitus helfen könnten, erklärt Studien-Mitarbeiter Harald Oelrich, Psychologe an der Humboldt-Universität, so: Bevor sich ein Ohrgeräusch entwickle, sei meist eine "Hörfunktionsstörung" vorweggegangen, ein Hörsturz oder eine Erkältung. Währenddessen habe man kurze Zeit gar nichts gehört oder zumindest bestimmte Töne nicht. Der Hirnbereich, der für die Verarbeitung genau dieser Klänge verantwortlich ist, sei dadurch "arbeitslos geworden". Und dieser "arbeitslose" Hirnteil sei ganz einfach von den anderen Frequenzen besetzt worden: Der Tinnitus-Krach beginnt - mit diesen Tönen.

Dass diese Theorie nicht so abwegig ist, beweisen Untersuchungen von Menschen, denen beispielsweise ein Arm oder ein Bein amputiert wurde. Auch dort wird ein bestimmter Gehirn-Bereich durch die Amputation arbeitslos. Dieser wird dann von anderen Hirn-Regionen okkupiert. Die Folge: Das Gehirn reorganisiert seine Arbeitsabteilungen. Geht dabei etwas schief, entwickeln sich Phantomschmerzen. Doch was bei den Gliedmaßen schon gut erforscht ist, bleibt beim Gehör noch reine Theorie.

Die Hälfte der Patienten "verspürten nach dem Training eine Verbesserung", sagt Oelrich. Er erklärt sich das durch die erneute Arbeitsaufnahme des zuvor arbeitslosen Hirn-Bereichs. Denn besonders dann, wenn Töne verglichen werden sollten, die sehr nah an der persönlichen Tinnitus-Frequenz lagen, ging das Ohrgeräusch allmählich zurück.